Berlin gilt als Hauptstadt der Zettelschreiber

In Kreativquartieren wie Prenzlauer Berg bildet sich um die Pfosten nicht selten eine bizarre "Rinde" aus Papier. (Foto: Thomas Schubert)
 
Joab Nist sieht das Zetteln als Ausdruck des Berliner Lebensgefühls. Die kuriosesten Notizen veröffentlicht er im Internet und in Buchform. (Foto: Thomas Schubert)

Berlin. Wenn es Nachbarn allzu laut treiben, der Hund entläuft oder seine Exkremente nerven, dann äußern sich Berliner dazu gerne auf Zetteln. Der Student Joab Nist dokumentiert die Kiez-Kommunikation an Wänden und Pfosten. Mit den abfotografierten Notizen amüsiert er nicht nur Internet-Nutzer, sondern er erforscht sie auch als Ausdruck der Berliner Lebensart.

Ein Windzug pfeift ums Eck, dass die Papierfetzen an den Pfosten nur so flattern. Und da die rote Ampel Halt gebietet, müssen die Passanten warten. Sie prüfen ihre Handys, hören Musik, starren vor sich hin. Doch Joab Nist untersucht die Pfosten. Er liest. Wo Bernauer Straße, Pappelallee und die Schönhauser zusammenlaufen, wo im Fünfminutentakt U-Bahnen über das Viadukt rauschen und Trams über Weichen krachen, da wird gezettelt, gepinnt, geklebt. Hier in Prenzlauer Berg, an diesem Nervenknoten des kreativen Berlin, kollidieren die Lebensarten von Alteingesessenen, Touristen und Zugezogenen. Es gibt Zoff. Und der entlädt sich auf Zetteln.

Joab Nist, 29 Jahre alt, Student an der Freien Universität Berlin, stammt aus München. Er nahm 2004, gleich nach der Ankunft in der neuen Heimat, mit scharfen Sinnen wahr, was in der bayerischen Hauptstadt und in allen anderen deutschen Städten fehlt. "Diese Notizen, die hier überall hingen, gaben genau wieder, wie Berlin auf mich wirkte. Sie zeigten das Kreative, das Naive, manchmal das Nicht-Nachvollziehbare."

Vom Angebot, das Brautkleid gegen einen Kita-Platz zu tauschen bis hin zur Lösegeldforderung für ein entführtes Stofftier als Parodie auf unendlich viele Vermisstmeldungen an den Masten dieser Stadt: Seine Faszination für Schriftstücke trieb Nist zu stundenlangen Streifzügen durch Bahnhöfe, über Kreuzungen, hinein in Hausflure, wo es wüste Beschimpfungen gegen Ruhestörer zu lesen gibt. Oder groteske Hinweise auf bevorstehende Ereignisse. "Letztens schrieb jemand die Ankündigung für eine Hausgeburt", erzählt Nist von seinen Milieustudien am "schwarzen Brett".

Wenn es in Haus und Hof mal etwas lauter wird, erfährt davon nicht nur der Nachbar. Nist setzt die Beweisfotos in seinen Internet-Blog www.notesofberlin.com und auf die dazu gehörige Facebook-Seite. "Ich bin zuerst mit 200 eigenen ,Notes‘ in Vorleistung getreten. Inzwischen wähle ich die besten Funde aus, die andere zuschicken." Fünf bis zehn E-Mails mit Nachschub gehen täglich ein. So wurde der Blog zum Selbstläufer. Ein Fundus des Kiez-Gekritzels, auch fernab der Spree beachtet und für Besucher des Forums eine sichere Quelle für den Lacher des Tages.

Mehr als 25 000 Online-Anhänger weiß Nist hinter sich und verzeichnet bis zu 300 000 Aufrufe pro Tag. Besonders lesenswerte Exemplare brachte der Ullstein Verlag vor Kurzem auch in gedruckter Form auf den Markt. "Wellensittich entflogen. Farbe egal", titelt Nists Buch in Anlehnung an eine genauso überschriebene Vermisstmeldung in Friedrichshain. Die "Kuriose Zettelwirtschaft" in Buchform empfiehlt sich für alle, die lieber blättern als klicken. Der Urheber verfolgt indes sein nächstes Ziel: eine wissenschaftliche Aufarbeitung des Phänomens im Rahmen seines Studiums im Fach "Arts and Media Administration". Eine Pionierarbeit, über die sich der Zettelkundler noch bedeckt hält.

Warum, muss man fragen, kritzelt Berlin so viel, Hamburg kaum und München so gut wie überhaupt nicht? Nist sieht zum einen die starke soziale Durchmischung als Grund für erhöhten öffentlichen Diskussionsbedarf. Andererseits aber auch eine lange Tradition des beherzten Mitteilens: "Schon die Berliner Mauer wurde genutzt als Schriftfläche für Parolen und Meinungsäußerungen", sagt er. Ihre Fortsetzung erfuhr diese Art von Verlautbarung durch Straßenkunst und Graffiti. "Das sind genau wie die Zettel Phänomene, für die der öffentliche Raum genutzt wird, um Spuren zu hinterlassen." Auf der Straße platzierte Botschaften wirken viel zielgerichteter als solche im Internet. "Du kannst das geeignete Papier wählen, deine Handschrift ins Spiel bringen, kannst entscheiden, wohin genau du etwas hängst und wie viele Exemplare. Unzensiert, ungefiltert, wahnsinnig persönlich."

Große Emotionen wecken neben Hundehaufen und entlaufenen Tieren auffallend oft Fahrraddiebe: "Das war zuletzt ein Riesenthema", sagt Nist. "Eigentlich scheint es ja aussichtslos, einen Zettel zu schreiben, um den Dieb zur Rückgabe zu bewegen", meint er. Die Berliner gehen aber offenbar trotzdem davon aus, dass sich der Unhold durch wütende Anschreiben oder herzliche Bitten erweichen lässt.

Einmal hätte die Zettellektüre sogar einen Blaulicht-Einsatz verhindern können. "Da schrieb eine Frau Hinweise, dass sie die letzten innerstädtischen Freiräume nutzt, um Yoga auf einem Hausdach zu betreiben. Sie hat die Situation extra gezeichnet und darum gebeten, nicht die Polizei wegen Selbstmordgedanken zu rufen." Doch die Polizei kam.

Philosophisch geht es schließlich zu, wenn sich die Mitteilsamkeit direkt mit der Stadt als Ganzes befasst. "Berlin, kannst du noch?", fragte ein Unbekannter neulich auf einem selbst gebauten Schild. Darunter schmierte ein anderer, die Antwort: "Schon ein bisschen tot!"


Berlin verzettelt sich

Die vielen Notizen stören die meisten Leser



Ein rascheres Beseitigen von Zetteln im öffentlichen Raum, das fordert die Mehrheit der Leser unserer Reportage aus der vergangenen Woche. So antworteten 76 Prozent auf die Frage "Sollten die Zettel regelmäßig entfernt werden?" mit Ja, 24 Prozent stören sich nicht an der "Tapete" aus Papier.Ob humorvolle Kommunikationsversuche oder aufdringliche Reklame - Aushänge an Wänden und Pfosten scheint vielen Berlinern zu missfallen. Denn abgerupft wird die "Zettel-Rinde" nur unregelmäßig. Und zwar dann, wenn Mitarbeiter von Ordnungsbehörden bei ihren Rundgängen Handlungsbedarf sehen oder die Techniker der Vattenfall-Tochter "BerlinLicht". "Beim Warten von Laternen entfernen sie die aufgeklebten Zettel", erklärt Vattenfall-Sprecher Hannes Hönemann.

Und wenn man von vornherein Ordnung in die Zettelflut brächte, etwa durch Einführung offizieller Pinnwände? Das hält Joab Nist, Gründer der Internetseite "Notes of Berlin", für schwierig. "Selbst wenn es offizielle Pinnwände an belebten Plätzen gäbe, glaube ich nicht, dass dies die Leute davon abhalten würde, Zettel auch noch an den üblichen Orten wie Laternenmasten, Stromkästen oder Hauswänden anzukleben."

Keine Strafe zu befürchten

Im Vergleich zu anderen deutschen Großstädten begegnen die Berliner Behörden dem Anbringen von Zetteln im öffentlichen Raum sehr tolerant. Das Aushängen von Schriftstücken wird vor allem in Innenstadtbezirken geduldet, zumal durch die Kontrollgänge und das Entfernen des vielen Papiers Personal gebunden wäre, das dann für andere Aufgaben fehlt. Zuständig sind nicht die Ordnungsämter, sondern das Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten. Dieses muss laut Gesetz einschreiten, wenn es eine Belästigung der Allgemeinheit oder Beeinträchtigung der öffentlichen Ordnung erkennt. Wer beim Zetteln auf frischer Tat ertappt wird, braucht in der Regel kein Bußgeld zu befürchten, sondern kommt mit einer Verwarnung davon, erklärt eine Sprecherin des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg, in dessen Gebiet das Phänomen besonders stark verbreitet ist. Die kuriosesten Zettel findet man auf www.notesofberlin.com oder in Joab Nists Buch mit dem Titel "Wellensittich entflogen. Farbe egal", erschienen im Ullstein Verlag.


Thomas Schubert / tsc
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