Um das Recht, ein Berliner zu sein, tobt ein Kampf

Vor allem in Prenzlauer Berg tauchen immer wieder Sprüche auf, die Gehässigkeit gegen neue Nachbarn zum Ausdruck bringen. (Foto: Thomas Schubert)

Berlin. In welchen Dialekt man beim Brötchenkauf verfällt, kann über Anerkennung und Ablehnung entscheiden. Der Tatbestand "Schwabenhass" reicht von bösen Sprüchen bis zu angezündeten Kinderwagen. Eine Satire-Gruppe wiederum fordert unter dem Motto "Free Schwabylon" eine schwäbische Zone.

Wolfgang Thierse wurden Wecken angeboten, wo er doch Schrippen wollte. Käthe Kollwitz musste büßen, dass er sich öffentlich darüber ärgerte. Sie bekam Spätzle-Brei auf ihr bronzenes Gesicht. Selbst die New York Times zeigte die Verunglimpfung neben einem Hintergrundbericht aus dem Krisengebiet rechts der Schönhauser Allee. "Schwäbische Separatisten schmeißen Spätzle", erfuhren die Bewohner einer Weltmetropole von den Zuständen in einer anderen.

Hegel beschmiert

Und nun, knapp sechs Monate nach dem Teigwaren-Anschlag, die neuste Zote im Kiezkrieg: Der Hegel-Statue in Mitte trieft Currywurst vom Gesicht. Ein Philosoph, ein preußischer Gelehrter, dem es zum Verhängnis wurde, dass seine Wiege in Stuttgart stand.

Um das Recht, ein Berliner zu sein, tobt ein Kampf. Am Kollwitzplatz ist indes davon nichts zu spüren. Ein Mädchen malt Gesichter aufs Pflaster, deren Mundwinkel, anders als bei der strengen Käthe, nach oben weisen. Auf dem nach ihr benannten Platz lässt sich kaum vermuten, dass hier zwei Volksgruppen um das Heimrecht ringen: Ur-Berliner und Schwaben. Die einen, angeblich fast völlig vertrieben, die anderen vermeintliche Besatzer. "Ich ärgere mich, wenn ich beim Bäcker erfahre, dass es keine Schrippen gibt, sondern Wecken", offenbarte Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse im Winter in der Berliner Morgenpost. Und: "Ich wünsche mir, dass die Schwaben begreifen, dass sie jetzt in Berlin sind und nicht mehr in ihrer Kleinstadt mit Kehrwoche", setzte er nach.

Stadt kann nur profitieren

"So ein Quatsch!", ruft Michael aus Steglitz. Zum ersten Mal steht er mit seiner Frau Maria auf dem Kollwitzplatz - um eine Ahnung davon zu erhalten, worüber man nun selbst im Ausland rätselt. Nach Meinung des Ehepaars aus dem Berliner Südwesten kann die Stadt von gutbürgerlichen Zuzüglern nur profitieren. "Es sollen ruhig mehr Schwaben kommen. Das macht Berlin reicher", glaubt Michael. "Spare, spare, Häusle baue", imitiert er den Dialekt. Und wo kein Platz zum "baue" sei, da würde eben saniert.

Um ihn herum lassen Knirpse ihre Dreiräder um die Wette wetzen. Auf den Fensterbänken stolzer Gründerzeitbauten eiern Papierwindmühlen im Wind. Ein Gastronom rupft Unkraut vor seinem Lokal. Prenzlauer Berg - ein Hort der Ordnung, des Fleißes. Ein Idyll. Rund ein Viertel der bis dato Einheimischen sind seit der Wende verblieben. 80 Prozent neu. Doch was will das heißen?

Einfach "geschmacklos"

"Der typische Berliner war schon immer ein Zugereister", weiß Gästeführer Uli Netz. An der Rykestraße beschreibt er zwei Touristen gerade die Verwandlung einer früheren Obdachlosenunterkunft in ein Museum, als das Reizthema zur Sprache kommt. Anfeindungen, die gut betuchte Zuzügler erfahren, hält er schlichtweg für fremdenfeindlich. "Wenn ein Stadtteil im Wandel ist, gibt es Gewinner und Verlierer. Das ist normal. Und Verlierer sind schon seit der Steinzeit die Ärmeren." Verdienten Prenzlauer Berger einst 70 Prozent eines Durchschnittsberliners, sind es heute 140 Prozent. Deswegen pöbeln? "Geschmacklos", urteilt Uli Netz. Im Übrigen sei er selbst mit einer Schwäbin glücklich.

Schwabentum ist in Berlin allerdings ein Begriff, der sich mit einer Landkarte allein nicht erklären lässt. Tatsache ist: Es fahren fast ebenso viele Möbelwagen von der Spree ins "Ländle" hinunter wie von da hinauf. Lediglich 20 Prozent mehr Schwaben werden in Berlin heimisch als Berliner in Baden-Württemberg. Im allgemeinen Sprachgebrauch gilt jeder, der im Verdacht steht, Wohlstand einzuschleppen, als Schwabe. Und jemand, der diesen Wohlstand nicht hat, fühlt sich leicht als Berliner. Man rümpft die Nase über Wecken - und preist Rostbratwürste aus Thüringen. Niemand neidet den Bayern ihr Hofbräuhaus am Alexanderplatz. Und wenn Rheinländer ihren Karneval aufführen, lässt der Berliner Milde walten. Keiner hatte es bei seiner "Einbürgerung" je wieder so leicht wie Kennedy, der bloß auszurufen brauchte: "Ich bin ein Berliner." Hingegen schreien jetzt Graffiti an Häusern feindselige Parolen, wie "Ich bin Berliner. Du nicht!" Ob das dem Zuzugswillen einen Dämpfer verpasst?

Ein fatales Signal

"Das wäre ein fatales Signal", sagt Leif Erichsen von der Industrie- und Handelskammer. "Schließlich brauchen wir die mutigen und kreativen Köpfe aus Deutschland und der ganzen Welt, die unser Stadt zur Existenzgründerhauptstadt machen." Bestes Mittel gegen die Neidkultur ist in Erichsens Augen das Streben nach hausgemachtem Erfolg: "Die Gesellschaft muss sich noch mehr anstrengen, junge Berliner von einer guten Ausbildung zu überzeugen. Dies ist eine wichtige Anstrengung, um dem spürbaren Fachkräftemangel entgegenzuwirken."

Derweil hält die Internet-Gruppe "Free Schwabylon" an ihren Forderungen fest. Der Kollwitz-Kiez müsse ein autonomer Bezirk werden und "Schwabylon" heißen. "Es soll ein Raum sein, in dem sich Schwäbinnen und Schwaben als solche frei bewegen können, ohne Übergriffe seitens einer autoritären Berliner Minderheit", wurde verkündet. Eine Satire, ergänzt mit immer neuen Possen. Jetzt wollen die Aktivsten einen weiteren Süddeutschen an den Kollwitzplatz holen: Uli Hoeneß. Eine Wohnung habe man schon, hieß es beim selbst ernannten Bezirksamt Schwabylon von Berlin.



Skepsis gegen Neu-Berliner überwiegt

Mehrheit der Leser betrachtet Zuzugswelle als Problem



Die Veränderung des sozialen Gefüges in ihren Kiezen bereitet den Berlinern offenbar Sorge. Auf die Frage, ob Zuzügler für die Stadt eine Bereicherung sind, stimmten nur 41 Prozent der Teilnehmer unserer Leserumfrage mit Ja. Ein Ergebnis, das der Soziologe Dr. Andrej Holm von der Berliner Humboldt-Universität mit einer falschen Annahme erklärt. "Es hat sicher viel damit zu tun, dass die Stadtentwicklungsprobleme oft im Zusammenhang mit Zuzügen gesehen werden. Aber es wird dabei zu wenig über wohnungspolitische Aspekte gesprochen." Verdrängung von ärmeren Bevölkerungsgruppen, so Holm, sei kein Effekt des Zuzugs, sondern eher die Folge von Aufwertungsbestrebungen der Wohnungswirtschaft.Was Schwabenfeindlichkeit anbelangt, spricht Holm von einer "Phantomdebatte". Die Gehässigkeit, wie sie durch aufgesprühte Parolen zum Ausdruck komme, sei in den betroffenen Stadtgebieten im Grunde kaum vorhanden. Dass Schwabenfeindlichkeit trotzdem in aller Breite als Problem diskutiert wird, sei die Folge eines überstarken Medienechos. Andererseits gebe es Konflikte, die aus seiner Sicht zu wenig Beachtung finden. "Wenn sich in Schöneberg Mieter darüber beschweren, dass ihr voll bewohnbares Haus abgerissen werden soll, dann wird dies nicht einmal innerhalb Berlins gehört", sagt Holm.

Die Hauptstadt zieht an

Nach der Wiedervereinigung musste Berlin Bevölkerungsverluste verkraften. Von 1991 bis 2011 zogen 250 000 Personen mehr weg als kamen. Nach der Ernennung zum Regierungssitz begann der Hauptstadteffekt zu greifen. Und bis 2030 wird Berlin deutlich wachsen - auf 3,75 Millionen Bewohner. Das wäre eine Viertelmillion mehr als 2011. Nach Erkenntnissen der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung fällt das Wachstum in den Bezirken unterschiedlich stark aus. Der größte Zustrom wird für Pankow (16,3 Prozent) erwartet, der geringste in Reinickendorf (1,9 Prozent). Großer Beliebtheit werden sich zentrumsnahe Gebiete wie das südliche Pankow, das südliche Weißensee, Lichtenberg Nord, Alt-Treptow, Grunewald, Schmargendorf und Westend erfreuen. Viele junge Leute zieht es an die Spree. 2011 betrug der Anteil der Neu-Berliner von 25 bis unter 32 Jahren rund 50 Prozent. Bei den Zuzüglern dominieren keineswegs die aus Baden-Württemberg. 7700 sind das pro Jahr. 8300 kommen aus Bayern, 12 000 aus Nordrhein-Westfalen und 24 000 aus Brandenburg.

Thomas Schubert / tsc
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