Am Klausenerplatz nehmen Engagierte das Heft in die Hand

Die soziale Art zu kaufen: Ilona Langehans und ihr Mitarbeiter Jürgen platzierten sich mit der Cityboutique im spendenfreudigen Kiez. (Foto: Schubert)
 
Nostalgisch und nachhaltig: Weil die Häuserzeilen von Bomben verschont blieben, radelt man heute durch ein intaktes Straßenbild der Gründerzeit. (Foto: Schubert)

Charlottenburg. Wie lebt es sich an einem bestimmten Fleck des Bezirks? Was macht den Anwohnern Freude? Was bereitet ihnen Sorgen? In unserer neuen Serie "Unser Kiez" beleuchten wir in den nächsten Wochen das Geschehen rund um den Klausenerplatz.

Angenommen, man wollte einen Alt-Berliner Kiez neu erbauen und man müsste dazu aus den vorhandenen Kiezen einen als Vorbild wählen - dieses familiäre, quirlige Viertel, das Harald Marpe sein Zuhause nennt, wäre keine schlechte Wahl. Marpe kennt und liebt die Ansammlung von elf Gründerzeit-Blöcken wie kaum ein anderer, hat sich das Lebensgefühl nach seinem Zuzug in den Wendejahren förmlich eingeimpft, ist eine der treibenden Kräfte im Kiezbündnis Klausenerplatz.

"Dieses rege soziale Geschehen auf den Straßen und die gute Vernetzung der Bewohner", das ist es, was den Historiker fasziniert. Wer mit diesem Kiezversteher das Geflecht der Wege durchquert, mit langsamen, aber bestimmten Schritten um die Ecken schlendert, den beschleicht es sofort. Da ist es, das Kiezgefühl. Da sind die kleinen Läden in den Erdgeschossen stuckbesetzter Häuser, die Eis schleckenden Mütter mit geparkten Kinderwagen, die türkischen Märkte mit frischem Obst und Gemüse.

30.000 Seelen zu Zilles Zeiten

Auf 650 mal 600 Metern wohnen laut Marpe im Kiez derzeit um die 9000 Menschen. Dass zu Heinrich Zilles Zeiten auf gleicher Fläche um die 30.000 Seelen hier heimisch waren, lässt Klaustrophobiker erschaudern. Und tatsächlich gab es vor dem Zweiten Weltkrieg wohl nirgends in Berlin eine größere Einwohnerdichte als hier, in diesem Nicht-ganz-Quadrat unterhalb des Spandauer Damms.

"Pinsel-Heinrich", der prominenteste Bewohner des Viertels, gehört gar nicht so sehr zur Folklore wie man vielleicht vermutet. Fast jeder könnte zwar Touristen die Fenster seiner alten Wohnung im vierten Stock der Sophie-Charlotten-Straße 88a zeigen. Marpe aber kennt spannendere Orte.

Bauernromantik auf dem Hinterhof

Einmalig und kurios: der Ziegenhof in der Danckelmannstraße. Böcke, Zicken und Hühner buhlen hier am Lattenzaun um artgerechtes Futter. Öko-Bauernhofcharme auf einer freigesprengten Hinterhoffläche. Und nicht von Ungefähr feiert der Kiez an diesem Schauplatz sein jährliches Fest.

Ebenfalls als Institution gilt der Brotgarten, 1978 in der Seelingstraße eröffnet als eine der ersten Vollkornbäckereien Berlins. Heute ein Ort, wo man beim Einkauf noch tratscht. Doch längst nicht alle Geschäfte sind so tief verwurzelt wie dieses. Es herrscht ein Kommen und Gehen - dauerhaft Fuß fassen, das fällt schwer. "Ich habe Respekt vor jedem, der es versucht", äußert sich Marpe zu diesem prägenden Problem. Seit drei Jahren in der Nehringstraße ansässig und kaum wegzudenken ist die Cityboutique der Berliner Stadtmission. Was Ilona Langehans und ihre Kollegen hier verkaufen, füllt die Kassen zum Wohle der Obdachlosen. Von der alten Milchkanne bis zur feschen Möbelgarnitur gibt es so ziemlich alles. Und beim Bewegen der schweren Stücke helfen ehrenamtliche Hände. So ist der Kiez: engagiert und sozial.

Das erweiterte Wohnzimmer

Und der Klausenerplatz an sich? Ab 1844 ritten hier Garde du Corps-Soldaten ihre Paraden, dann entstanden Wege, die dem neuen Erholungsort Struktur gaben, später aber wieder verschwanden. Heute gehört der Klausenerplatz spielenden Kindern, die Liegewiese lädt Faulenzer zum Nickerchen ein. Wer nun aber glaubt, dass die Anwohner in ihrer Freizeit nur auf der Wiese lümmeln, sieht sich getäuscht. Der Selbstbehauptungswille ehemalige Hausbesetzer vermengt mit bürgerlichen Tugenden, das führt zu einer besonderen Gesinnung.

"Es gibt hier ein starkes Gefühl, dass man sich einmischen muss", umschreibt Stadtplaner Bernd Mayer das Charakteristische dieses Ortes. Die Mitbestimmung, sie zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte, ist beim Pflegen des Ziegenhofs ebenso erkennbar wie bei Hilfsprojekten für Flüchtlinge. Akademiker, Alt-68er und Bürgerliche, Türken, Handwerker und Künstler. Keiner ist hier fehl am Platz. Das Viertel - ein erweitertes Wohnzimmer für jedermann. Typisch Kiez.


Thomas Schubert / tsc
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