"Die wachsende Stadt ist was Tolles": Bürgermeister Reinhard Naumann im Interview

Auf eine Neues: Reinhard Naumann will auch über das Wahljahr hinaus Rathauschef bleiben. (Foto: Thomas Schubert)
 
Auf eine Neues: Reinhard Naumann will auch über das Wahljahr hinaus Rathauschef bleiben. (Foto: Thomas Schubert)
Berlin: Rathaus Charlottenburg |

Charlottenburg-Wilmersdorf. Flüchtlinge, Wohnungsbau und Wahlen. 2016 spitzen sich Themen zu, die den Bezirk schon länger prägten. Bürgermeister Reinhard Naumann steht der Berliner Woche Rede und Antwort zum neuen Jahr.

Wie behalten Sie das Jahr 2015 in Erinnerung?

Reinhard Naumann: Als sehr anstrengend. Denn seit März sind wir im Bezirksamtskollegium nur noch zu viert. Ganz besonders war das Jahr natürlich durch die Herausforderungen bei der Unterbringung von Flüchtlingen gekennzeichnet. Auch mit Hinblick auf die noch vor uns liegende Aufgabe einer erfolgreichen Integration möchte ich sagen: Die Interessen der Bevölkerung in den Ortsteilen werden nicht vernachlässigt. Dafür gebe ich folgendes Beispiel. Wenn es um zusätzliche Kitaplätze geht, dann ist klar, dass sich der Bedarf durch den Zuwachs der Allgemeinbevölkerung und den Zuwachs der Flüchtlinge verbindet. Wir sind das Rathaus für alle Menschen. Und dann reden wir über einen Ausbau von Kitaplätzen für alle Menschen. Mir ist ganz wichtig, dass das im öffentlichen Bewusstsein ankommt. Gleiches gilt für die Herausforderung, neuen Wohnraum zu schaffen. In Charlottenburg-Wilmersdorf wird das nur punktuell gelingen können. Eher schon in den Außenbezirken. Jedenfalls ist die wachsende Stadt etwas sehr Positives, etwas Tolles. Eine der wichtigsten Nachrichten des letzten Jahres ist es, dass wir nach Jahren des Personalabbaus endlich wieder Kräfte einstellen können. Wir schreiben demnächst rund 50 Stellen aus. Vor allem in den Bereichen Bürgeramt, Soziales, Gesundheit, Jugend und Ehrenamtskoordination.

Der Aufschwung der City West geht ungebremst weiter. Aber er betrifft hauptsächlich Charlottenburg. In Wilmersdorf befürchten manche einen zunehmenden Bedeutungsverlust. Können Sie das nachvollziehen?

Reinhard Naumann: Nein, überhaupt nicht. Dann müsste man ja fragen: Was soll in Wilmersdorf, Halensee und Schmargendorf geschmälert werden im Vergleich zu Charlottenburg-Nord oder Eichkamp? In meinen vielen Gesprächen wird von den Bürgern eher vermittelt, dass Freude und Stolz vorherrschen – auch in den etwas weiter vom Ku'damm entfernt gelegenen Ortstteilen. Wir beobachten eine ganz klar positive Entwicklung, von der der Bezirk insgesamt profitiert.

Wie erklären Sie sich die Tatsache, dass vielerorts Bürger im Bezirk gegen Wohnungsbauvorhaben rebellieren?

Reinhard Naumann: Wir auf der Ebene der Kommunalpolitiker nehmen für uns in Anspruch, dass wir anders als Landes- und Bundespolitik dichter an den Sorgen der Bürger dran sind. Das gelingt durch intensiven Dialog mit Blick auf die Bedürfnisse vor Ort. Was ich mit Sorge beobachte, ist, dass ein Teil der öffentlich hörbaren Bürger ihren Besitzstand verteidigen, während andere Menschen vergeblich Wohnungen suchen. Bei mir in der Sprechstunde sitzen junge Familien und bitten mich deshalb um Unterstützung. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in eine gesellschaftliche Schieflage geraten, weil Besitzende sich gegenüber Suchenden unsolidarisch zeigen. In den Gesprächen mit Kritikern von Bauvorhaben habe ich immer verdeutlicht, dass es nicht um das Ob einer Wohnbebauung gehen kann, sondern um das Wie. Ich bin offen für Diskussionen über die Ausgestaltung von solchen Projekten. Aber sich gegen jede Lückenschließung und Verdichtung zu verweigern, findet nicht meine Zustimmung. In der Abwägung zwischen einer Schaffung von dringend gebrauchtem Wohnraum und dem Festhalten an der freien Sicht ins Grüne muss eine politisch verantwortbare Entscheidung für die Wohnungssuchenden ausgehen.

Derzeit leben über 5200 Flüchtlinge im Bezirk. Wie viele kann Charlottenburg-Wilmersdorf noch aufnehmen?

Reinhard Naumann: Auch für Charlottenburg-Wilmersdorf gilt: Eine Nennung von Obergrenzen wäre ein leeres Versprechen. Jedoch steht fest, dass wir mit unseren über 5000 Plätzen in Noteinrichtungen berlinweit an erster Stelle liegen. Die inzwischen zu weite Spreizung innerhalb der Berliner Bezirke zwischen 1000 und über 5000 Plätzen sollte zu einer Wiederannäherung führen. Ich erwarte vom Senat, dass endlich alle Alternativen zur Unterbringung von Flüchtlingen geprüft und realisiert werden. Zum Beispiel im Bereich von Gewerbeimmobilien. Oder bei Freiflächen, auf denen man Traglufthallen errichten kann. Die Akzeptanz der Bevölkerung und ihr Engagement sind herausragend. Natürlich gab es beispielsweise bei der Belegung der Ruhemann-Sporthalle in Schmargendorf keine Begeisterungsstürme bei den Sportlern. Aber nach Erklärung des Sachverhalts hat sich in kürzester Zeit mit „Hockey hilft“ eine weitere Unterstützungsinitiative gebildet. Gerade der Sport leistet wertvolle Dienste für die Integration. Aber ihm muss die Infrastruktur erhalten bleiben, damit er das schafft. Eine flächendeckende Belegung von Hallen über dringende Notfälle hinaus lehnen wir ab.

Was geben Sie den Bürgern für das Wahljahr 2016 mit auf den Weg?

Reinhard Naumann: Charlottenburg-Wilmersdorf ist ein lebens- und liebenswerter Bezirk. Wir sind in vielerlei Hinsicht hochattraktiv. Wir stehen für Kreativität und Vielfalt. Und wir pflegen im Hinblick auf Zuwanderer eine Willkommenskultur. Sie gilt für Investoren und für Flüchtlinge gleichermaßen. Ich wünsche mir, dass das Engagement der Willkommensinitiativen weiter trägt. Denn das bedeutet Mitmenschlichkeit. Und wir als Bezirksverwaltung werden das nach Kräften unterstützen. Wir werden uns auch mit unserer „Partnerschaft für Demokratie“ für Projekte einsetzen, die sich mit einer Stärkung unserer demokratischen Grundwerte befassen. Man muss sich immer wieder klar machen, welchen Wert es hat, dass wir in Frieden und Freiheit leben. Und das in einem gewissen Wohlstand. Also möchte ich die Wähler herzlich bitten, dass sie sich im Berliner Wahljahr 2016 im demokratischen Spektrum auf die Suche nach Lösungen begeben. Es ist wichtig, denen die Rote Karte zu zeigen, die mit Populismus und falschen Versprechungen Scheinlösungen vorgaukeln. Rechte Rattenfänger haben bei uns keinen Platz.
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