Im Politladen in Lichterfelde klagen Bürger ihr Leid

Berlin. Seit Januar üben sich vier Parteien in Bürgernähe und schenken den Bewohnern der Thermometersiedlung in Lichterfelde fast täglich Gehör für ihre Sorgen. Die Bandbreite der Themen reicht von Ratten über Leerstand - bis hin zu ausgebeuteten Chinesen.

Alles, was sie jetzt noch trennt, ist eine Scheibe. Hinter dem Fenster sind die Politiker. Draußen die Wähler. Dies ist der Politladen, eine Begegnungsstätte, wie sie Berlin noch nicht gesehen hat. Hier, an einer südlichen Ausbuchtung des Bezirks Steglitz-Zehlendorf gruppieren sich Hochhäuser als letzte Großstadt-Pfeiler vor den Feldern Brandenburgs. Lichterfelde-Süd, Thermometersiedlung, Heimstatt von 6000 Menschen mit meist kühlem Verhältnis zu Politik. Die Wahlbeteiligung sank zuletzt auf 38 Prozent. Und deswegen der Laden, gerade hier. Es ist noch winterlich, die Temperaturen in der Celsiusstraße gehen gegen null. Eine Mutter schimpft mit ihren Kindern, Rentner schlurfen an kahlen Schaufenstern vorüber. Nur in diesem neuen Laden brennt Licht. Und Dennis Koselowsky hofft, dass heute doch noch jemand kommt, der die Dienstleistung Politik in Anspruch nimmt.

Wer seine "Kunden" sind? "Häufig Ältere. Es gibt viele Betagte hier in der Siedlung." Koselowsky, 32 Jahre alt, Schriftführer der CDU Lilienthal, weiß, wo es hakt, klagt man ihm doch Donnerstag für Donnerstag das Gleiche: Von Hundemist, Ratten, glatten Wegen und fehlenden Geschäften. Koselowsky kümmerte sich, wo es ein Politiker kann. Und so wurde ein Bahnübergang, der die Leute ständig ins Schlittern brachte, im Winter prompt gestreut. Auch Rattenfallen hat man schon ausgelegt. "Aber die wurden kaputtgemacht." Nicht alle in der Thermometersiedlung pflegen einen beschaulichen Lebensstil.

"Meines Wissens ist etwa die Hälfte der Bewohner arbeitslos", sagt Koselowsky. Häufig reichen die Wurzeln zurück in krisengeschüttelte Länder. Ins ehemalige Jugoslawien, in den Libanon, arabische Staaten. Ein Kiez voller Konflikte, mit viel Gesprächsbedarf, aber wenig Interesse an Politik.

"Im Schnitt kommen drei Besucher pro Sitzung", sagt der junge CDU-Vertreter. Heute aber bleibt er allein. Jenseits der Scheibe schwindet das Licht. "Wir werden demnächst Flyer verteilen", sagt Dennis Koselowsky. "Wir müssen uns bekannter machen." Dass es in der Celsiusstraße 62 seit Jahresanfang einen Politladen gibt, dass die Piraten, die Grünen, die SPD und die CDU aus Steglitz-Zehlendorf sechs Monate lang gemeinsame Sache machen für höhere Wahlbeteiligung und direktere Demokratie, das muss sich noch herumsprechen.

"Wieso hängen die nicht einen fetten Zettel mit einer Erklärung raus? Dann wissen wir, was das ist", sagt Pedro, als er vom neuen Angebot erfährt. Mit seinen Freunden zieht der junge Arbeitslose ziellos durch die Straßen. Pedro wird den Politladen besuchen, jetzt da er ihn kennt. "Es gibt nichts, wo Jüngere hingehen können. Keine Sporthalle, keinen Basketballplatz, keine Disco." Ja, Pedro wird vorsprechen. Bei welcher der vier Parteien, ist ihm egal.

Der Gedanke, dass die Piraten den Problemen anders begegnen könnten als die CDU, kommt wohl nur wenigen. "Wer sitzt dort überhaupt? Ein Seelsorger? Oder Steinbrück?", fragt ein Mann mit wässrigen Augen, setzt sein Bier ab und lacht. Es ist Freitagmittag und im Lokal "Zum Thermometer" prosten die Herrschaften auf das Wochenende. Doris Schmidt hat von dieser Runde genug, stützt sich auf ihren Rolator und geht nach nebenan. Sehen, was es mit dem Politladen auf sich hat. Statt Steinbrück begrüßt sie heute Julian Krischan, 27 Jahre alt, Mitarbeiter der SPD-Abgeordneten Irene Köhne. Krischan weiß inzwischen: Die Sorgen der Wähler sind sehr lokal, betreffen die Müllschlucker im Hochhaus oder neue Regeln im Jugendclub. Bedeutung hat, was nah ist. Meistens jedenfalls.

"Einmal beschwerte sich eine Frau über schlechte Arbeitsbedingungen in chinesischen Fabriken", erzählt der Student. "Die SPD ist aber eine deutsche Partei", musste er ihr erklären. "Und unser Einflussbereich liegt nicht in China." Nun sitzt hier die Seniorin Doris Schmidt gemeinsam mit einem zweiten Gast, dem Rentner Karl Heinz Seymer. Krischan bietet Kaffee und Kuchen an. Er greift zu. Sie lehnt ab. "Wir brauchen wieder Einkaufsmöglichkeiten. 1971, als ich herzog, gab es sie noch", legt Schmidt los. "Die Mieten für Geschäfte sind zu hoch."

Seymer schaltet sich ein, packt sein Problem dazwischen: "Wir haben da oben einen Teich. Und da steht ein Schild, dass man Tiere nicht füttern soll." Schmidt wirft ein: "Da gibt es doch gar keine Tiere mehr." Semyer: "Aber die Leute schmeißen ganze Brote rein. Die Ratten sind dankbar." Julian Krischan schaltet sich ein: "Sind die weggeschmissenen Lebensmittel noch gut?"

Derart kurios kreist das Gespräch. Krischan hört zu, fragt nach, entwirrt die Probleme so, dass er sie später bearbeiten kann. Doch die Senioren nehmen ihn in die Zange, fast eine Stunde lang. Sorgen Schlag auf Schlag: Schimmelige Wände, marode Fenster, fehlende Geschäfte, zu weit entfernte Bushaltestellen, amerikanische Investoren, der Teich, die Ratten. Schlussendlich notiert Krischan die Telefonnummern, will Bescheid geben, was sich jeweils erreichen lässt - "oder Sie kommen wieder in die Sprechstunde".

Karl Heinz Seymer trinkt aus, Doris Schmidt stemmt sich auf ihren Rolator. Beide ahnen: Abhilfe kann es nicht in allen Punkten geben. Manchmal ist Politik nur ein Gespräch bei Kaffee und Kuchen.


Schwaches Zeugnis für Politiker

Großteil der Leser fühlt sich schlecht regiert



Unsere Leserumfrage zur Reportage der vergangenen Woche hat ein klares Ergebnis erbracht. Nur acht Prozent der Teilnehmer sind mit der Berliner Politik zufrieden. 92 Prozent halten die Arbeit ihrer Volksvertreter für verbesserungswürdig. Querelen um die Flughäfen, Mietsteigerung, Abrissarbeiten an einem denkmalgeschützten Teil der Mauer - das bleibt nicht ohne Folgen. Das Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap ermittelte kürzlich zur Konferenz "Bürger und Parlamente - Bürger gegen Parlamente?" was Wähler an der Politik besonders stört. Beklagt werden demnach vor allem "ein großer Einfluss der Wirtschaft auf politische Entscheidungen, die Verlagerung von Entscheidungen auf die europäische Ebene und zu geringe Einflussmöglichkeiten des einzelnen Bürgers". Vorbehalte gegen politische Instanzen seien umso größer, "je weiter sie vom persönlichen Lebensumfeld entfernt sind." Sehr nah an den Alltagssorgen der Bürger arbeiten die Parteien im Politladen in Lichterfelde-Süd. Sie halten ihr Projekt für nachahmenswert. "Was Menschen beschäftigt, liegt im Umkreis von 150 Metern", sagt Julian Krischan von der SPD. Das Verneinen der Zuständigkeit, wie es bei Behörden oft erlebt wird, versucht er zu vermeiden. "Ich höre mir alles an und leite es dann an die richtigen Stellen weiter. Alles andere macht verdrossen."

Wahlbeteiligung geht zurück

Politikverdrossenheit bezeichnet eine desinteressierte oder ablehnende Haltung gegenüber politischen Inhalten. 1992 wurde es zum Wort des Jahres gewählt und steht seit 1995 im Duden. 2006 ergab eine Umfrage der ARD nach der Zufriedenheit mit dem demokratischen System erstmals ein negatives Ergebnis. Die Zustimmung fiel auf unter 50 Prozent. Politikverdrossenheit gilt als Ursache für sinkende Wahlbeteiligung. Bei den Bundestagswahlen ging die Beteiligung in Berlin von 80,6 Prozent im Jahr 1990 auf 70,9 Prozent 2009 zurück. Damit liegt Berlin verglichen mit anderen Bundesländern im vorderen Mittelfeld. Der höchste Anteil von wahlwilligen Bürgern wurde 2009 in Hessen verzeichnet: 73,8 Prozent, der niedrigste in Sachsen-Anhalt: 60,5 Prozent. Der Politladen in der Celsiusstraße 62 wird zunächst bis Ende Juni betrieben und bietet fast täglich Sprechstunden an.


Thomas Schubert / tsc
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