Zahl der Obdachlosen in der City steigt

Willkommen in der Wärme: Die City Station empfängt auch in diesem Winter frierende Übernachtungsgäste. (Foto: Thomas Schubert)
Charlottenburg-Wilmersdorf. Armut auf dem Bürgersteig: Wer aus eigener Anschauung annahm, dass immer mehr Obdachlose die Straßen des Bezirks bevölkern, bekommt nun die Bestätigung. Laut Stadtrat Carsten Engelmann (CDU) erreichen die Zahlen einen rekordverdächtigen Wert.

Müde Gestalten am Wegesrand, vorgehaltene Pappbecher mit der Bitte um eine kleine Spende, Schlaflager unter Brücken – Anblicke, die zum Stadtleben gehört. Aber in der westlichen City offenbar weit mehr als in anderen Gegenden Berlins. So nannte Sozialstadtrat Carsten Engelmann auf Anfrage der Grünen jetzt entsprechende Fakten. Zählte man im Bezirk Anfang 2014 noch 752 Betroffene, waren es Mitte 2015 bereits 1148 – eine Steigerung von 53 Prozent. Und weiterhin heißt es von seiner Seite: „Von einer weiteren Steigerung bis Jahresende müssen wir ausgehen.“

Da die Behörden eine Gesamtzahl von rund 3000 Wohnungslosen in Berlin nennen, hieße es, dass in Charlottenburg-Wilmersdorf ein Drittel aller Betroffenen leben.
Hilfe erhalten Obdachlose in zwei Tagesstätten, der City Station in Halensee und dem Seelingtreff in Charlottenburg, sowie in drei Suppenküchen und drei Nachtcafés. Da Schlafplätze in Wohnheimen rar sind, bekommen Wohnungslose auf Wunsch Gutscheine für Hostels im Wert von 25 Euro pro Tag. Weil aber andere Bezirke laut Engelmann teils deutlich hochwertigere Scheine ausstellen können, picken sich Hostelbetreiber diese heraus.

„Klare Fortschritte an einem Hotspot“, sieht der Stadtrat im Bezug auf Sauberkeit und Gesundheit, nachdem am Bahnhof Zoo ein Hygienecenter eröffnet hat, das Wohnungslosen Duschen und Toiletten bietet – für den Betrieb zahlt der Senat 150 000 Euro im Jahr.
Allerdings weist Norbert Wittke (SPD) als Vorsitzender des BVV-Sozialausschusses darauf hin, dass wichtige Einrichtungen wie die City Station und die Bahnhofsmission am Zoo unterfinanziert bleiben. Sie beenden das Jahr mit Defiziten von jeweils mehr als 100000 Euro. „Und das ist durch Spenden nicht auszugleichen.“ Zugleich sieht Wittke auch die „versteckte Armut“ im Steigen begriffen. Sie zeige sich in den Suppenküchen und bei Ausgaben der Berliner Tafel.

Soziale Schieflage

Dass die soziale Schieflage im Bezirk deutlich zunimmt, sorgt in der Politik für neue Diskussion über die Gründe. Was also führt dazu, dass Menschen ihre Wohnung verlieren?

Bevor ein Mensch durch das soziale Netz fällt, wohnt er meist zur Miete. Und häuft bei der Begleichung von Rechnungen Schulden an. Dass er dabei auf staatliche Unterstützung zählen könnte, stellte Stadtrat Engelmann auf Anfrage der Grünen deutlich heraus. „Das Bezirksamt beugt Wohnungslosigkeit vor, indem Wohnraum durch die Übernahme von Mietschulden erhalten wird, Betreuungsmaßnahmen zum Wohnungserhalt eingeleitet werden und der Betroffene in geeigneten Fällen in betreute Maßnahmen mit Trägerwohnungen vermittelt wird“, nennt er das übliche Vorgehen.

Sollten Mieten über den Richtwerten liegen, die zur Not das Jobcenter bezahlt, müssen die Betroffenen mit einem „Kostensenkungsverfahren“ rechnen. Entweder wechseln sie binnen sechs Monaten in eine günstigere Bleibe oder sie entscheiden sich zum Beispiel für eine Untervermietung. Wenn ein Wohnsitz aber schließlich doch verloren geht, wird es zunehmend schwerer, in kalten Nächten beheizte Schlafplätze zu finden.

Als „nicht ausreichend“ bezeichnet Grünen-Sozialpolitiker Alexander Kaas-Elias die berlinweit 735 Notübernachtungsplätze, finanziert vom Senat. Er und Parteikollegin Jenny Wieland fordern als Abhilfe eine sinnvollere Ausnutzung der Immobilien im staatlichen Besitz: „Es sind vor allem die landeseigenen Wohnungsgesellschaften gefragt.“ Doch auch sie fielen zuletzt weniger durch Sozialprogramme auf als durch steigende Mieten. tsc
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