Einzelfallhelfer retten die schwersten Fälle unter Obdachlosen

Kein guter Tag zum Helfen: Ralf Sponholz versucht die Obdachlose Bernadette zu überzeugen, dass sie endlich etwas isst. (Foto: Schubert)

Charlottenburg. Wenn Menschen selbst durch die engsten Maschen des Sozialsystems fallen, gibt es nur noch ganz wenige, die ihnen beistehen können. Mit Hilfe der Deutschen Bahn leistet sich die Berliner Stadtmission soziale Sanitäter: die mobilen Einzelfallhelfer.

"Hau ab!", brüllt Bernadette. Ralf Sponholz kommt näher, setzt sich zu ihr auf die Bank. "Hau ab!", brüllt Bernadette von neuem. Da fragt Ralf Sponholz, ob sie heute schon etwas gegessen hat.

In Bernadettes Gesicht steht Hass geschrieben. Sie zittert, fuchtelt mit verkrümmten Händen. Gegessen hat sie nichts. "Ich brauche eine Wohnung", presst sie jetzt durch die Zähne. "Ich brauche eine Wohnung." Immer wieder fleht sie um eine Bleibe. "Ich kann dir leider keine aus dem Ärmel schütteln", entgegnet Ralf nach einer Weile. Er ist derjenige, der bereits dafür sorgte, dass sie wieder einen Ausweis hat. Jeden Tag besucht er sie auf ihrer Bank. Jeden Tag kommt er ihr ein Stückchen näher. Manchmal lässt sie sich zum Abendbrot einladen in die Bahnhofsmission am Zoologischen Garten. Oder auf ein Eis. An besseren Tagen als diesem. Ralf kann mit Gehässigkeit umgehen. Denn er ist ihr Einzelfallhelfer. Ihr Schutzengel. Aber alle Wunder auf einmal vollbringen, das kann er nicht.

Im Auftrag der Berliner Stadtmission wagt der 35-Jährige, was kein anderer mehr versuchen möchte. Er geht zu denen hinaus, die man eigentlich nicht mehr erreichen kann. Und wenn er zehnmal fortgeschickt wird, hat er vielleicht beim elften Mal Erfolg. 200 bis 300 Stunden Zeit braucht Sponholz, bis es in solch vertrackten Fällen wie dem von Bernadette einen "Fahrplan" gibt. Der Fahrplan, das ist die Wegbeschreibung zurück in die Gesellschaft. Ausweis, Wohnung, Therapie. Das ist der Dreisatz. Aber mobile Einzelfallhilfe ist keine Mathematik, sondern soziale Arbeit. Teure Arbeit.

Schon einmal musste die Stadtmission das Projekt unterbrechen. Aber im April 2013 stand plötzlich die Partnerschaft mit der Deutsche Bahn. 30.000 Euro jährlich lässt sich der Konzern die elementare Hilfe am Rande der Gesellschaft kosten. Das reicht für eine Vollzeitstelle und eine Honorarkraft. Wenn sich weitere Unterstützer fänden - sicher könnte man mehr Hilflose retten, man müsste weniger Tote beklagen vor dem Gedenkbaum am Bahnhof Zoo.

"Wenn wir 20 solcher Menschen in einer Reihe stehen haben, können wir drei retten", sagt Stadtmission-Sprecher Dieter Puhl. "Wir müssen entscheiden, wer ohne Schutzengel bleibt." Puhl und Sponholz kennen Fälle mit traurigem Ausgang. Sie kennen aber auch Fälle wie den des Herrn Hintz vom U-Bahnhof Güntzelstraße. Früher: Bettelei, Heroinsucht, abfaulende Beine. Dank der Hilfe: Hauttransplantation, Ausweis, Entzug. Bis so jemand auf die Beine kommt, gilt es auch Rückschläge zu verkraften. Wenn ein Kandidat dann doch wieder seinen Ausweis zerreißt, nimmt Sponholz ihn an die Hand und macht einen neuen. Sozialstunden hat er einst abgeleistet, als er seine Berufung für die Obdachlosenhilfe entdeckte. Doch nicht jeden Tag kann seine Hilfe fruchten.

"Hau ab!", brüllt ihm Bernadette jetzt wieder ins Ohr. Seine Visitenkarte, die bei einer Einlieferung ins Krankenhaus Gold wert sein könnte, hat sie zerrissen. Bernadette läuft zur U-Bahntreppe, steigt hinab ins Dunkel. Ihr Schutzengel wird nicht weiter folgen. Aber morgen kommt er wieder. Morgen essen sie vielleicht ein Eis.


Thomas Schubert / tsc
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