Gymnasiasten diskutieren Geschichte und Integration

Hannah und Danielle haben in Israel wertvolle Erfahrungen gesammelt. (Foto: Wecker)

Charlottenburg. Integration heißt nicht nur, dass sich ein Zuwanderer in die Lebenszusammenhänge seiner neuen Heimat eingliedert, die dortigen Sitten und Gebräuche achtet und sie vielleicht sogar aufnimmt. Integration heißt auch, dass der Zuwanderer die Geschichte seiner neuen Heimat annimmt.

Das ist in Deutschland nicht ganz unproblematisch, besonders nicht, wenn die Zuwanderer aus Völkern kommen, die während des II. Weltkrieges unter der deutschen Besatzung gelitten hatten. Noch problematischer wird es, wenn sich ein in Israel aufgewachsener Bürger in die deutsche Gesellschaft integrieren will. Mit diesem Problem setzen sich Abiturienten des Schillergymnasiums auseinander, unterstützt und gefördert vom Haus der Wannseekonferenz. Für die Abiturienten liegt die Geschichte drei Generationen zurück. Im vorigen Jahr fuhr eine Gruppe nach Frankreich, um zu untersuchen, wie sich dort Jugendliche integrieren, in diesem Jahr fuhr eine Gruppe nach Israel, um dort diesem Problem nachzugehen. Erst bei dieser Reise wurde den Gymnasiasten ein Umstand bewusst, der vorher gar keine Rolle spielte: Sie selbst stammen aus unterschiedlichen Kulturen. "Wir haben uns immer als eine Klasse gesehen, auf einmal merken wir, dass wir ganz unterschiedlich sein sollen", stellt eine Schülerin fest. Tatsächlich ist auch an der Hautfarbe zu sehen, dass ein Mitschüler Vorfahren in Afrika hat und eine Mitschülerin stammt aus Ägypten. Bei ihren Eltern bedankte sich die Schulleitung ausdrücklich, dass sie ihrem Kind gestattet hatten, nach Israel zu reisen.

Selbst für die Mitarbeiterin des Hauses der Wannseekonferenz Aya Zarfati, die aus Jerusalem stammt und nach einem Praktikum in Berlin geblieben ist, war plötzlich die Situation ungewöhnlich: "Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal eine Ägypterin durch Jerusalem führen werde." Bei den Begegnungen der Jugendlichen wurden an die Berliner in der Regel drei Fragen gestellt: Wie heißt Du? Was ist Dein Hobby? Waren Deine Großeltern Nazis? Umgekehrt fragten die Berliner auch die israelischen Jugendlichen nach Kontakten zu Arabern und waren sehr verwundert, häufig in dieser geteilten Stadt zur Antwort zu bekommen: "Ich habe nichts gegen sie, aber ich kenne auch keinen Araber."

Auf die Frage nach der Identifizierung mit der deutschen Geschichte, fanden die Schüler nur schwer eine Antwort. Danielle, deren Familie aus Afrika zugewandert ist, sagte: "Schuldig an den Verbrechen der Nationalsozialisten fühle ich mich nicht. Aber als Deutsche stehen wir in der Verantwortung, dass dies nie in Vergessenheit gerät und dass es nie wieder geschehen darf."

Diese Schülerreise wurde von Tom Knoll mit der Kamera begleitet. Daraus ist sein zweiter Dokumentarfilm "Erinnern in der Einwanderungsgesellschaft" entstanden, der in der Aula des Gymnasiums aufgeführt wurde. Im März wird der Gegenbesuch einer israelischen Schülergruppe erwartet. Die Berliner Gymnasiasten wollen ihren Gästen auf alle Fälle die Stolpersteine zeigen.


Frank Wecker / FW
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