Neue Sichtweisen: Visionen für den Ernst-Reuter-Platz

Ein riesiges Rondell: Den Ernst-Reuter-Platz wird man kaum davon abbringen können, eine lärmende Drehscheibe des Verkehrs zu sein. (Foto: Schubert)

Charlottenburg. Er ist dafür geschaffen, Verkehr von A nach B zu lenken. Doch kreative Denker glauben, der Ernst-Reuter-Platz kann noch mehr. Was sich ändern muss, ist nicht sein Aufbau, sondern die Sichtweise der Nutzer.

Immer will man nur an ihm vorbei. Aber am Knotenpunkt von Hardenberg- und Bismarckstraße, Otto-Suhr-Allee und Straße des 17. Juni verweilen? Oder sogar die Mittelinsel betreten? Theoretisch ist das möglich. In der Praxis gehört der Ernst-Reuter-Platz zu den Orten, dem Berliner so wenig Aufmerksamkeit und Zeit schenken wie möglich. "Er dient ausschließlich der Erfüllung von Zielen. Alles, was davon ablenkt, ist ein Hindernis", beschreibt Professor Alex Arteaga von der Universität der Künste dessen Wesensart. Was er mit einer Gruppe von Studenten ersonnen hat, will die Funktion des Platzes respektieren und zugleich zum Gegenstand der Betrachtung erheben.

Die jetzige Gestalt dieses Ortes antasten, das mochte weder Arteaga noch ein anderer der Experten, die sich auf Einladung des Regionalmanagements City West versammelt hatten, um Visionen auszutauschen - darunter Sören Hühnlein vom örtlichen Aktionsbündnis. Und es kann wohl auch niemand, da man für große Veränderungen viel Geld in die Hand nehmen und den Denkmalschutz angreifen müsste. Der Ernst-Reuter-Platz, 1955 zementiert und nach dem ersten Regierenden Bürgermeister West-Berlins benannt, wird sein Gesicht wohl nie mehr verändern.

Also versuchte Professor Arteaga mit seinem Team, ihm etwas Schönes abzugewinnen. Das heißt zuerst: alles Unwesentliche abräumen. Fahnenmasten, Parkplätze, Bushaltestellen, Blumenkübel - alles weg. Weiterhin sollte man mit Hilfe von Ampeln ein neues Zeitverhältnis zwischen den Verkehrsteilnehmern schaffen. In Phase eins gehört der Kreisverkehr wie bisher dem motorisierten Verkehr. In Phase zwei steht er völlig still, während Passanten den Platz nach Belieben queren können. Auf diese Weise würde man die "auditive Herrschaft der Autos reduzieren", erklärt Artreaga. Als Mitbegründer des Fachbereichs Auditive Architektur geht es ihm darum, das Wesen von Bauten und Orten über die Geräuschkulisse zu bestimmen.

So setzt sein Entwurf dem Verkehrslärm des Platzes ein schallisoliertes Observatorium auf der Mittelinsel entgegen. Dort sehen Menschen immer noch die Blechlawine um sich herumwälzen. Aber es herrscht völlige Stille. Doch dieser "taube" Aussichtspunkt soll nur eine Übergangslösung sein, bis ein städtebaulicher Wettbewerb neue Ideen heranträgt.

So viel Innovationsgeist sollte nicht ohne Lohn bleiben. Nachdem alle Redner des Abends ihre Ideen präsentiert hatten, durfte Professor Arteaga den Preis "Ausgezeichneter Ort im Land der Ideen" entgegennehmen, den die Deutsche Bank auslobt.

Für eine nüchterne Abrundung der Visionensammlung sorgte schließlich Baustadtrat Marc Schulte (SPD). Er erinnerte daran, dass schon die Idee eines breiteren, in beide Richtungen befahrbaren Radwegs Denkmalschützer auf den Plan rief. Wegen Blumenkübeln, die man versetzen müsste. Die Zukunft des Platzes, so scheint es, wird eher in Behördenstuben entschieden werden als im Hörsaal.


Thomas Schubert / tsc
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