Erinnerung: als Baby in der Bahnhofmission

Schon immer ein Ort für Gestrandete: die Jebensstraße in den 1930er-Jahren. (Foto: Repro: Bahnhofmission Zoo)

Charlottenburg. 1929 fuhren noch Dampfloks über die Viadukte – aber die Bahnhofsmission am Zoologischen Garten war schon damals eine Zuflucht für Reisende in Not. Hier hält die 86-jährige Berlinerin Margareta-Maria Räder fest, was ihr dort als Baby widerfuhr.

"Warum meine Mutter ausgerechnet in die Hauptstadt wollte – das konnte sie mir nie erklären. Ganz spontan hätte sie sich damals entschieden.

So packte sie ihr noch nicht mal vier Monate altes Baby (mich) in eine Decke, nahm in die andere Hand ihre paar Habseligkeiten, setzte sich in den Zug nach Berlin und fuhr bis zum Bahnhof Zoo. Sie hatte kein Geld, keine Unterkunft – sie hatte nichts! Sie stand mit Baby und Köfferchen in der Bahnhofshalle. Und sie hatte Glück! Zwei Frauen kamen auf sie zu und fragten, wohin sie denn wolle. Mutti erzählte mir, dass sie den Frauen ihre Geschichte berichtet hat – sie saß inzwischen in der warmen Bahnhofsmission und hatte belegte Brote und eine Kanne heißen Tee vor sich. Ihr Baby wurde auch versorgt.

Für sie stand auch ein Bett bereit, so dass dieser Tag für sie noch glücklich endete. Die Bahnhofsmission hatte inzwischen wahre Wunder vollbracht. Als meine Mutter aufwachte, konnte sie ihr Baby stillen und bekam selbst Frühstück. Dann wurden sie zu der Unterkunft gebracht, die die Mission besorgt hatte. Es war eine typische Berliner Kochstube. In den großen Wohnungen wurden die 10 Zimmer hergerichtet, mit Wasser- und Stromanschluss versorgt und an arme Familien billig vermietet. Da meine Mutter ja nichts besaß, hatte die Mission die Kochstube mit Bett, Babybett, Schrank, Tisch und Stühlen eingerichtet und auch für die nötige Wäsche gesorgt. Etwas Geld und Lebensmittelgutscheine wurden ihr auch da gelassen. Ein Anfang war gemacht. Mutti hat das der Bahnhofsmission nie vergessen und als sie ein bisschen Geld verdiente, hat sie die Mission immer mit Spenden bedacht."
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