Debatte um den Verkehr von morgen

Beispiel für eine autogerechte Stadt: An Orten wie der Unterführung am Adenauerplatz ist die Rangordnung der Verkehrsteilnehmer fest betoniert. (Foto: Schubert)

Charlottenburg-Wilmersdorf. Menschen oder Motoren: Auf kaum einem anderen Gebiet entsteht im Bezirk derzeit so viel Zwist wie in der Verkehrspolitik. Nun ernannte man die Frage nach der Mobilität zum Thema des Monats. Was sagen die Experten der BVV?

Zukunft hatte immer schon mit Vorstellungen darüber zu tun, wie man sich bewegen wird. Und in Charlottenburg-Wilmersdorf hatten sich Planer zu West-Berliner Zeiten eigentlich schon entschieden. Ein Straßensystem auf einer Länge von 400 Kilometern und einer Fläche von über 8 Millionen Quadratmetern zeigt bereits auf dem Papier die Dominanz der Kraftfahrzeuge. Und vielerorts kommen breite Trassen und Unterführungen dem Ideal der autogerechten Stadt sehr nahe. Ob das so bleiben soll?

Patricia Schwietzke äußert sich für die CDU jedenfalls zustimmend, was den ruhenden Verkehr betrifft. Und hier vor allen den Olivaer Platz. "Es droht der gewerblichen und touristischen Bedeutung der City-West ein empfindlicher Rückschlag unter dem Deckmantel eines nur scheinbar ökologischen Gesichtspunktes", warnt sie vor einem möglichen Wegfall von Hunderten Parkplätzen, dem am Olivaer Platz bereits eine Bürgerinitiative entgegentritt. "Wir wollen keinen bevormundenden Staat, der den Menschen vorschreibt, wie sie sich fortbewegen sollen", bezieht Schietzke Position gegen rot-grüne Beschlüsse.

Die Annahme, dass der motorisierte Individualverkehr innerhalb des S-Bahnrings weiter abnehmen wird, ist hingegen Grundlage des Handelns bei der SPD. Man müsse von der autogerechten Stadt wegkommen - hin "zu einer Stadt für alle Menschen", meinen die Sprecher Jürgen Murach und Heike Schmitt-Schmelz. "Berlin benötigt keine großen Parkplätze, Berlin benötigt Parks, in denen Menschen sich erholen und miteinander kommunizieren können, in denen Kinder Spielplätze vorfinden, um ihren Bewegungsdrang auszuleben", legen sie sich fest.

Ein Vorwärtskommen mit Fahrrädern und anderen nichtmotorisierten Vehikeln, das möchte Grünen-Verkehrsexperte Roland Prejawa mehr als bislang begünstigt sehen. "Das Auto hat seine besten Jahre hinter sich und als Statussymbol ausgedient", sagt er im Hinblick auf jüngere Bürger. Beim Blick in die grüne Zukunft ist der Kampf zwischen vier und zwei Rädern schon entschieden. "Busse und Bahnen sind smart, intelligent, schnell und bedürfnisorientiert. Auch mal ein paar Meter zu Fuß zurückzulegen ist hip und gesund", stellt Prejawa heraus.

Und vertritt damit ähnliche Auffassungen wie die Piraten, wobei hier außerdem ein ticketloser Personennahverkehr auf der Wunschliste steht. Vorhandener Verkehrsraum wird in absehbarer Zeit geteilt und nicht mehr vereinnahmt, meint Holger Pabst. Und statt an roten Ampeln zu warten, arrangiert man sich künftig in Begegnungszonen.

Noch weiter in die Zukunft weisen die Vorstellungen von Linken-Politikerin Marlene Cieschinger, die solargetriebene, kostenlose Bahnen herannahen sieht. Was sich noch auf vier Rädern bewegt, holt Kraft aus Batterien. Und es gilt das Prinzip wie damals, als Autos noch Exoten waren: "Muskelkraft vor Motorkraft."


Thomas Schubert / tsc
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