Auch am Rand von Berlin gibt es kaum noch Wohnungen

Leben unterm Flugzeugbug: In den Großsiedlungen Spandaus müssen sich Bürger weiterhin mit dem Tegeler Flugverkehr arrangieren. (Foto: Thomas Schubert)
 
Ute Gourri und Ursula Ondratschek sind stolz auf das Häuschen im Garten der Grundschule im Beerwinkel, das sie mit Kindern gestalteten. (Foto: Thomas Schubert)

Berlin. Diskutiert man am Stammtisch über Mietsteigerung, ist auf einen Satz Verlass: Man könne ja nach Marzahn oder Spandau ziehen. Aber wer diesen Worten Taten folgen lassen will, wird erfahren, dass viele leer geglaubte Wohnungen längst belegt sind.

Es brennt wieder Licht. Von den Erdgeschossen die hohen Fronten hinauf. Licht in Wohnzimmern, Licht in Kinderzimmern, Licht in Küchen. Aus offenen Fenstern duftet Abendessen, dudelt leise Musik ins Freie. Hier wohnen, umgeben von viel Grün, Hunderte Mieter in einem einzigen wuchtigen Turm. Alte Mieter und neue.Das Falkenhagener Feld: 220 Hektar schnörkelloser Wohnraum für gut 21 000 Menschen. Die Architektur: 60er-Jahre. Stockwerk-Stapel statt Stuck. Einflugschneise. Vogelgezwitscher und Turbinendröhnen im Wechsel. Eine der Gegenden Berlins, die immer noch mehr mit Abstiegsängsten zu tun hat als mit dem Glauben an eine Alternative. Man könne da ja hinziehen, wenn die Mieten nicht mehr zu bezahlen sind - denkt sich der Innenstädter. Kann er das wirklich?

Für den Kiez eine Lanze brechen

Er sollte es ruhig wagen, so lange es noch geht - das glaubt Ursula Ondratschek, Lehrerin der Grundschule im Beerwinkel. Eine Frau, die für diesen Teil Spandaus gerne eine Lanze bricht. Doch verabschieden sollte man sich zunächst von der Vorstellung, das Falkenhagener Feld sei Berlin der Sorte extra billig. "Ja, es gibt hier Dreizimmerwohnungen für 390 Euro kalt. Aber die Nebenkosten! Da zahlen Sie noch einmal 300 drauf", warnt Ondratschek. "Günstig ist es nur insofern, dass notfalls das Jobcenter zahlt."

Die Lehrerin sitzt am Schreibtisch neben einer zweiten Frau, die den Kiez im Wandel sieht. Ute Gourri, Vorsitzende der "Nachbarn im Kiez" - eines Bürgervereins, "der das soziale Umfeld ein bisschen aufbessern will". Gemeinsam mit der Grundschule im Beerwinkel habe man vorzeigbare Projekte verwirklicht: Einen kleinen Garten etwa. Oder Nachhilfeunterricht, über das Programm "Soziale Stadt" gefördert.

Der öffentliche Raum blieb leer

Geselligkeit und Bürgersinn, das tut not. Davon sind beide Frauen überzeugt. "Es gab hier früher keine richtigen Treffpunkte. Der öffentliche Raum blieb leer", schildert Gourri den Zustand vor ihren Bemühungen. Dass es Zuzug gab, belegt Ondratschek mit einem einfachen Fakt: Ihre Schule hatte zuletzt so viele Anmeldungen zu verzeichnen, dass man Kinder ablehnen musste. Nur wer zuerst kommt, lernt vor Ort.

Was am Falkenhagener Feld schön ist? "Dass wir total viel Grün haben", schwärmt Gourri. "Wir sind umrandet von Wald, wir haben den Spektegrünzug und den Kiesteich." Und auch dort: neue Inseln der Geselligkeit. Eine Kletterwand, ein Generationenspielplatz. Aber fragt man im Falkenhagener Feld herum, wer neu einzog, erfährt man nichts. So stolz ist niemand auf seinen Einstand, um freimütig davon zu berichten.

Rollt der Verdrängungskonvoi aus dem Zentrum?

Dass es Neulinge in Spandau geben muss, zeigt ein Zuzugsüberschuss von 1309 Bürgern im vergangenen Jahr. Will heißen: Es fanden deutlich mehr Einwohner nach Spandau hinein als heraus. Rollt hier also eine Verdrängungskonvoi aus dem Zentrum? Bürgermeister Helmut Kleebank (SPD) sieht seinen Bezirk schon hinter dem Scheitelpunkt der Welle. "Die Verdrängung aus der Innenstadt ist passiert", sagt er. Zugleich sei die Zahl der Menschen, deren Einkünften zum Leben nicht reichen, gestiegen. "Und wir müssen damit umgehen." Alles in allem hat Kleebank Vertrauen darauf, dass sich das soziale System bewährt. "Es greift dort, wo der Bedarf entsteht." Reserven an Unterkünften erkennt er jedenfalls nicht: "Wir haben keinen großen Leerstand mehr."

Fragt man Heinz Troschitz vom Spandauer Mieterverein, wie es sich mit dem Falkenhagener Feld im Speziellen verhält, sieht er hier besonders wenig Spielraum: "Nahezu alle Wohnungen sind belegt. Gleiches gilt für die Heerstraße in Staaken."

Dass die Stadt auf eine Knappheit von Wohnraum zusteuert, zeigt die neueste Erhebung des Verbands Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU). "Wir nähern uns mit großen Schritten der Situation Anfang der 90er-Jahre", sagt Vorstandsmitglied Maren Kern und hat dabei Marzahn-Hellersdorf im Blick, wo der Leerstand bei Mitgliedsunternehmen von 12,4 Prozent im Jahr 2002 auf 3,1 Prozent im vergangenen Jahr schmolz. Auch in Spandau hat sich die Quote mit 3,4 Prozent fast halbiert.

Volles Haus in der Schule

Zahlen, die Ursula Ondratschek anhand der Kinder belegt sieht, die ihre Schule abweisen muss. Volles Haus, steigender Andrang. Und dann das: Eine Sozialarbeiterin, die der Bund nach zwei Jahren Arbeit nicht mehr bezahlen will. "Katastrophe!", ruft die Lehrerin.

Eine weitere Erschwernis: Es gibt kaum Referendare, die den Stadtrand ins Auge fassen. "Nein, sie wollen nach Prenzlauer Berg." Ondratschek hält dieses Beharren für einen Fehler. "Es ist attraktiv hier. Das ist nicht Wüste."

Sicher, es gibt hier die Stadtrandstraße und die Hochhausstraße. Hausnummern fortfahrend bis jenseits von 400. Aber auch das ist Spandauer Stadtrand: Feine Einfamilienhäuschen, versprengt zwischen den Wohnmaschinen. Naherholung an der Spektelake - ein Biotop, nur fünf Minuten von der Fahrstuhltür entfernt. Gartenzwerg-Kolonien, Autoschrauber-Garagen, vor Blumen strotzende Balkone - wie eine Gegenwehr an ergrauten Fassaden.

Die Häuser bleiben

Der Abend legt sich über das Falkenhagener Feld. Flugzeuge suchen sich mit Scheinwerfern den Weg nach Tegel. Ein Mann Ende 50 tritt ins Freie. "Schöner Himmel", grüßt er die purpurfarbenen Wolken. "Nur die Häuser und die Flugzeuge, die müsste man sich wegdenken", sagt er. So viel steht fest: Das mit dem Verschwinden der Flieger könnte klappen, aber die Häuser werden bleiben. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch die letzten Fenster in der Nacht nicht mehr dunkel bleiben.



Mehrheit sorgt sich um die Miete

Wohnkosten wachsen Berlinern langsam über den Kopf



Der Druck auf dem Wohnungsmarkt schlägt sich in unserer Umfrage aus der vergangenen Woche deutlich nieder. 94 Prozent der Teilnehmer gaben an, dass sie Angst vor weiter steigenden Mieten haben. Auch wenn Berlin diese Sorge ernst nimmt und das Wohnungsangebot durch Neubau erhöhen will, sehen Experten keine rasche Erleichterung auf die Mieter zukommen. "Die Sorgen sind berechtigt", kommentiert Reiner Wild vom Berliner Mieterverein das Votum der Leser. Und auf die Frage, ob eine Deckelung von Bestandsmieten und mehr Neubauvorhaben ausreichen, um die Mietsteigerung zu dämpfen, gibt es von ihm "ein klares Nein". Beim Großteil der mindestens 30 000 Wohnungen, die nun entstünden, handle es sich um hochpreisige Unterkünfte - oft als Eigentum vermarktet. Was jetzt und in Zukunft fehle, seien preisgünstige Quartiere, zumal die Menschen, die verstärkt nach Berlin ziehen, genau diese suchten. Fördergelder für den Bau erschwinglicher Wohnungen, wie sie der Senat ab 2014 in Aussicht stellt, scheinen Wild zu knapp kalkuliert. "Wenn das beschlossen wird, was man derzeit diskutiert, wäre diese Förderung nur ein Tropfen auf den heißen Stein."

Niedriger Leerstand, hohe Mieten

Während Berlin bis vor wenigen Jahren noch für hohen Leerstand und günstige Mieten bekannt war, hat sich das Angebot in der Hauptstadt deutlich verknappt. Die Folge: steigende Wohnkosten. Wie der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) im Mai bekannt gab, lag der Leerstand bei den Berliner Mitgliedsunternehmen im Jahr 2012 nur noch bei 2,3 Prozent. Nach wie vor herrscht jedoch ein leichtes Gefälle zwischen begehrten Innenstadtbezirken wie Friedrichshain (1,0 Prozent) und Charlottenburg (1,2) oder dem landschaftlich reizvollen Köpenick (1,4) und den seit der Wende weniger gefragten Lagen am Stadtrand. Doch auch in Marzahn (3,5 Prozent Leerstand), Spandau (3,4) und Reinickendorf (3,6) wird ein steigender Druck durch Zuzüge erkennbar.

Der neu vorgestellte Mietspiegel belegt einen Preissprung bei den Bestandsmieten in ganz Berlin von 5,25 Euro in 2009 auf 5,54 Euro in 2011. Dass sich die Wohnungsknappheit allmählich zuspitzt, zeigt der Vergleich mit anderen deutschen Städten. Den höchsten Leerstand in Deutschland gibt es in Salzgitter (11,7 Prozent), Chemnitz (10,4) und Schwerin (9,9) - den niedrigsten in München (0,7) und Hamburg (0,6).


Thomas Schubert / tsc
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