Immer mehr Berliner arbeiten im Rentenalter

Der Chef übernimmt das Steuer: Spediteur Rainer Welz ist sich auch mit 69 Jahren nicht zu schade, die Waren manchmal selbst einzulagern. (Foto: Thomas Schubert)
 
Künstlerin Charlotte Buff (70) zeigt ihr erfolgreichstes Werk - die eingeäscherte Version von Goethes "Die Leiden des jungen Werthers". (Foto: Thomas Schubert)

Berlin. Werktätig jenseits der 65? Das ist für Tausende Hauptstädter längst Realität. Sie führen ihr Erwerbsleben weiter als der Staat es von ihnen verlangt. Mal geschieht es aus Not, manchmal aus Passion. Drei Menschen erzählen, warum sie von ihren Berufen nicht lassen können.

Charlotte Buff sitzt vor dem Fenster ihrer Pankower Altbauwohnung. Das milchige Herbstlicht scheint auf sie und ihre selbstgefertigten Kunstwerke. So könnte ein schöner Ruhestand aussehen, aber zwei dauerhafte Sorgen machen ihr zu schaffen. Trotz ihrer 70 Jahre bekommt Charlotte Buff keine richtige Rente. Sie kann keine erhalten, weil sie keinen Anspruch erworben hat. Ihre Maxime hielt sie so lange durch, bis es zum Vorsorgen zu spät war. "Wir sollten im Hier und Jetzt leben", sagt sie immer noch voll und ganz überzeugt. In jüngeren Jahren war das Leben der studierten Grafik-Designerin mit Diplom für Bildende Künste unbeschwerter. Da war sie die Ehefrau eines Professors und kümmerte sich tagsüber fürsorglich um ihre drei Kinder. Ihrem Künstlertum gehörten die Nächte. Inzwischen ist sie aber geschieden, lebt allein, bezieht Grundsicherung statt Rente und versenkt sich noch tiefer in ihre Kunst. "Ich wollte im Alter eigentlich kürzer treten, aber das Gegenteil ist der Fall."

Sorge um das Vermächtnis

Denn was die Wahl-Berlinerin tagtäglich antreibt, ist die zweite große Sorge neben dem Geld: ihr Vermächtnis. Wenn alles nach Plan läuft, wird von den Gemälden und Plastiken, dem schöpferischen Lebenswerk, nicht mehr übrig bleiben als die Rückstände ihrer Verbrennung. Diese "Transformierung", die Überführung sämtlicher Werke zu Asche und Staub, ist der Fluchtpunkt ihrer Kunst. "Asche steht für Erneuerung", sagt die gebürtige Nürnbergerin und glaubt an die Produktivität des per Flammenwerfer erzeugten Infernos.

Auch nicht lassen von seiner Arbeit kann Rainer Welz. Dass er als Firmenchef eines Speditionsunternehmens in Marienfelde mit 69 Jahren manchmal höchstpersönlich mit dem Gabelstapler durchs Lager rollt, geschieht teils aus Pech, teils aus Überzeugung. Partner in Russland hatte er gewonnen. Eine vielversprechende Angelegenheit für Welz, bei der er sich aber trotz reicher Erfahrung in der Logistik-Branche verhob.

"In dieser Geschäftsbeziehung erlebte ich eine Klatsche", sagt er. Eine Klatsche, bei der er es nicht bewenden lassen wollte. "Ich hätte es auch einfacher haben können. Aber ich habe weitergemacht." Auch nun, vier Jahre nach Erreichen des Renteneintrittsalters, führt der Unternehmer seine acht Mitarbeiter unbeirrt durch wirtschaftlich turbulentes Fahrwasser. Welz ist Pragmatiker. Einer, der über sich sagt: "Verkehr ist meine Profession."

Familie respektierte seine Entscheidung

Vor seinem Verzicht auf einen pünktlich einsetzenden Ruhestand zeigte auch seine Familie Respekt. Und wenn Welz abends heimkommt, weiß er: "Meine Frau steht verständnisvoll an meiner Seite." Wie der 69-jährige Spediteur mit seinen Kräften haushält? Er tanze nun nicht mehr auf allen Hochzeiten. Er suche sich aus, welche Aufgaben er an Mitarbeiter abtritt und was seine Aufmerksamkeit wirklich erfordert. "Samstags arbeite ich nicht mehr. Und wochentags gibt es jetzt den Luxus einer längeren Mittagspause", nennt er die wenigen Tribute an das Alter. So viel Ruhestand muss sein.

Ein bis zwei Jahre noch, dann soll über die Neubesetzung des Chefsessels entschieden sein. Was bis dahin für rentenpolitische Hiobsbotschaften über Berliner im Seniorenalter hereinbrechen, darüber will Welz nicht spekulieren. Er glaubt, dass Reformen nötig sein werden, um der Altersarmut zu begegnen. Statt politischem Gezänk brauche es aus seiner Sicht ein Prozedere wie bei der Papstwahl: "Man müsste 50 Fachleute einsperren, bis weißer Rauch aus dem Schornstein kommt."

Pflichten in Gremien

Wenn guter Rat teuer ist, fragt man unter Handelsvertretern gerne Gerd-Achim Krieger. Der Lichterfelder hat seinen 77. Geburtstag hinter sich und verrichtet sein Tagwerk mit kaum gebremstem Eifer. Da ist seine Firma Assmus & Krieger, eine Handelsvertretungsgesellschaft. Es rufen die Pflichten in den Gremien der Berufsgenossenschaft und der IHK. Und an den Wochenenden, da nimmt er Standard- und Lateintänzern Prüfungen ab. Sein liebste Gangart: Slow Foxtrott.

Krieger sitzt am Schreibtisch seines Heimbüros und lacht. "Man muss das alles langsam zurückfahren, damit man nicht in ein tiefes Loch fällt. Die grauen Zellen wollen fit bleiben", sagt der Nimmermüde. Das Vollzeit-Programm in der Firma stemmt er zwar nicht mehr. Aber dass dieser kernige Endsiebziger, der vorwiegend Hersteller von Elektro- und Küchengeräten vertrat, halbe Sachen macht, fällt schwer zu glauben. "Ich kenne Kollegen, die mit 80 noch arbeiten", wirft Krieger ein. "Aber jemand, der Straßen teert, kann das natürlich nicht."

Zurück in ihr Atelier

Dass der Beruf des Künstlers ähnlich an der Gesundheit zehren kann, als verrichtete man schwere körperliche Arbeit in einer Fabrik, musste Charlotte Buff am eigenen Leib erfahren. Einmal atmete sie bei der Verbrennung von Objekten giftige Dämpfe ein. An deren chemische Zusammensetzung oder an eine Schutzmaske hatte sie nicht gedacht. Buff litt an den Folgen, tat alles für die Genesung, setzte auf gesunde Ernährung und Yoga. Sie musste zurück in ihr Atelier, das Werk war noch nicht getan.

Gealtert, ohne Rente - und ohne Reue. So sitzt Charlotte Buff im weichen Licht des Herbstes. Immer lebte sie im Hier und Jetzt. Und die Zukunft? "Irgendwann soll alles transformiert werden", sagt sie. "Es sei denn, dass jemand dem Einhalt gebieten und die Werke vorher kauft."



Votum für die Mindestrente

Leser wollen Garantie für ausreichende Bezüge im Alter



Bei unserer Frage der Woche sprachen sich 59 Prozent der Teilnehmer für eine Mindestrente aus, 41 Prozent lehnen diese Sicherheit ab. Wie sich die Rentenbezüge trotz demographischem Wandel klar über der Armutsgrenze halten lassen, beschäftigte in den vergangenen Wochen viele politische Gremien bis hinauf zur Bundesregierung. Diese beschloss letztendlich einen mit Steuern finanzierten Zuschlag auf die gesetzliche Rente bis zur Marke von 850 Euro. Ein Modell von Mindestrente, das aber gerade den tatsächlich armutsgefährdeten Alten nicht helfen wird, kritisiert VdK-Präsidentin Ulrike Maschner. "40 Beitragsjahre in der gesetzlichen Rentenversicherung und zusätzliche private Altersvorsorge als Zugangsvoraussetzungen - das geht an der Lebenswirklichkeit der meisten Frauen vorbei", bemängelt sie. Auch regionale Nachteile dürften durch diese sogenannte Lebensleistungsrente noch mehr durchschlagen. Berlin ist die Heimat besonders vieler Menschen mit unregelmäßigen Einkommen. Maschner lenkt den Blick auf andere Maßnahmen gegen niedrige Einkünfte. So solle man Frühverrentung stoppen und Betroffenen helfen.

"Die Rentenabschläge von derzeit 10,8 Prozent müssen abgeschafft werden, um der bedrückenden Armut von Menschen, die wegen erheblichen gesundheitlichen Belastungen nicht mehr erwerbstätig sein können, entgegenzuwirken", sagt Ulrike Maschner. Wer noch Aussicht habe, durch eine Reha-Therapie wieder ins Arbeitsleben zurückkehren, dem müsse man solche Maßnahmen bezahlen.

Senioren stocken Bezüge auf

Das gesetzliche Renteneintrittsalter wird bis zum Jahr 2029 schrittweise von 65 Jahren auf 67 Jahre steigen. Wer heute schon länger arbeitet, erhöht seine Rente mit jedem Monat Aufschub um 0,5 Prozent. Davon unabhängig bessern laut Bundesagentur für Arbeit rund 19 000 Rentner in Berlin ihre Bezüge mit Mini-Jobs auf. Es handelt sich oft um einfache Tätigkeiten wie Zeitungen zustellen oder Regale einräumen in Supermärkten. Diese Art des Zuverdienstes ist in den Stadtstaaten deutlich mehr verbreitet als im Bundesdurchschnitt, wobei Bremen noch vor Berlin liegt. Was die Hartz-IV-Bezüge bei Rentnern anbelangt, liegt die Hauptstadt ebenfalls weit vorn. 34 000 Senioren leben hier von der Grundsicherung.

Thomas Schubert / tsc
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