Ost-Gastronomen finden Geschmack am Westen

Neu im Westen: Mirko Zarnojanczyk (l.) und sein Partner Ralf Steinacker (r.) wollten mit ihrer Restaurantkette Spreegold schon lange nach Charlottenburg. Bikini Berlin-Geschäftsführerin Antje Leinemann machte das passende Angebot. (Foto: Thomas Schubert)
 
Umlernen über das Café Kranzler: In der Rotunde und auf der neuen Dachterrasse trifft sich jetzt ein bunteres Publikum. (Foto: Thomas Schubert)

Charlottenburg. Ein Ost-Ruck in der City-West: Im Bikini Berlin eröffnet das erste Spreegold-Restaurant jenseits der Kerngebiete in Mitte und Prenzlauer Berg. Und im altehrwürdigen Café Kranzler brüht ein Wirt Kaffee, der Mütter aus dem Kollwitz-Kiez empörte. Kann das klappen?

In Gefilden, wo manches altbackene Kiezcafé zum Sonntagnachmittag schließt, eröffnet bald ein Restaurant, das es nicht einmal einsieht, Frühstück an eine feste Tageszeit zu knüpfen. Guten-Morgen-Happen serviert Spreegold auf Wunsch auch noch um 22 Uhr. Und die Klientel in drei Niederlassungen – zwei in Prenzlauer Berg, eine am Alexanderplatz – wünscht das gar nicht so selten.

Nun das Experiment: Spreegold zieht im April 2017 in die City West. Genauer: in eine Mall, die sich damit brüstet, neue Konzepte zu erproben. Im Bikini Berlin an der Budapester Straße also wagt Spreegold-Chef Mirko Zarnojanczyk die lang ersehnte Expansion.

Mitte ist "zu homogen"

„Bisher passte entweder die Miete nicht oder der Ort“, erklärte er nun, da man doch noch vertragseinig wurde im Wunschbezirk Charlottenburg. Mitte scheint Zarnojanczyk mit seinem Zwang zum hippen Gehabe langsam „zu homogen“. Und das Bikini-Haus? Es bietet dem Gastrobetrieb Raum auf drei Etagen, ein Stück Dachterrasse. Und die Freiheit, sich stilistisch auszuleben. Wenn die Filiale im Frühling an der Stirnseite des denkmalgeschützten Baus eröffnet, sollen Streetart-Gemälde an den Wänden prangen. Es soll auch niemand seinen Platz räumen müssen, der drei Stunden an einem Espresso sitzt oder seine eigenen Stullen futtert.

Ob solch Nachsicht im prestigebewussteren Westen funktioniert? Antje Leinemann, Geschäftsführerin von Bikini Berlin, einstmals Chefin der Berliner Karstadt-Filialen, glaubt daran. „Man lernt, was funktioniert und was nicht funktioniert“, beschreibt Leinemann den Selbstfindungsprozess der Marke. Gut zwei Jahre nach der Eröffnung, überraschenden Ladenschließungen und ähnlich überraschenden Premieren sieht man sich im Aufwind.


Bis zu 20.000 Besucher
Bis zu 20.000 Besucher pro Tag zählt Leinemann in der „Concept Mall“ mit ihren Boutiquen und schnelllebigen Shoppingboxen in Spitzenzeiten. Damit sich diese Zahl noch erhöht, setzt Bikini Berlin 2017 weitere Akzente. Dazu gehört vor allem die Einrichtung eines 1800 Quadratmeter großen, dauerhaften Streetfood-Markts. „Dabei werden Räume erschlossen, die man bisher noch nicht kennt. Und es wird im ersten Stock ein weiteres großes Fenster geben, aus dem man die Affen im Zoo sieht“, kündigt Leinemann an. Außerdem soll sich das Haus dem Berliner Nachtleben öffnen – Ende 2017 startet im östlichen Teil der Mall ein Club. Nach dem Frühstück um 22 Uhr darf man also tanzen gehen.

Kranzler aufpoliert

Ganz so weit treibt es Ralf Rüller drüben im noblen Café Kranzler nicht. Wo Wilmersdorfer Witwen früher vornehm auf den Ku’damm blickten, soll nun ein bunteres, jüngeres Publikum seine Liebe entdecken zur wohl wichtigsten Straßenecke des alten West-Berlins. Es darf auch gerne anreisen aus Prenzlauer Berg. Dort steht Rüllers Name für eine heiß debattierte Idee: Kinderwagen sollten in seinem Café am Senefelder Platz namens „The Barn“ draußen bleiben. Deshalb: Poller im Eingang.

Die gibt es am neuen Wirkungsort im frisch aufpolierten Kranzler freilich nicht. Dafür ausgewählte Kaffeebohnen aus Afrika und Südamerika, die von Hand aufgebrüht werden. Und eine neu hergerichtete Dachterrasse mit 200 Plätzen, gleich neben der rot-weiß gestreiften Rotunde. Auf Dächern sitzen, das bleibt auch in Zeiten der gastronomischen Ost-Erweiterung Markenzeichen der City-West. tsc
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