Trotz schärferer Gesetze: Spielsucht auf dem Vormarsch

Psychologin Ulrike Albrecht (links) und Sozialpädagogin Petra Lehe sehen den Anstieg der Klientenzahlen im "Café Beispiellos" mit Sorge. (Foto: Thomas Schubert)
 
In Neukölln und auch in einigen anderen Berliner Kiezen prägen Spielhallen immer noch ganze Straßenzüge. (Foto: Thomas Schubert)

Berlin. Casinos in besten Lagen, zocken rund um die Uhr - Spielhallen gehören mancherots immer noch so selbstverständlich zum Straßenbild wie Bäckereien. Schon seit zweieinhalb Jahrzehnten widmet sich eine Beratungsstelle der Caritas bis zu 600 Süchtigen im Jahr. Und es werden mehr.

Als das Spiel zu Ende ging, gab es nichts mehr, was Armin hätte setzen können. Die Automaten verlangten Einsätze, die über sein Vermögen gingen. Sie knickten die Grundpfeiler seiner Existenz, vernebelten seinen Verstand. "Ich stand kurz vor der Brücke." Armin lehnt sich im Stuhl zurück, lässt den Satz wirken. Seinen echten Namen möchte der 40-Jährige nicht nennen. Seine Geschichte aber, die soll Mut stiften. Sie soll andere Spieler vor dem Äußersten bewahren, dem wirtschaftlichen und menschlichen Bankrott. Glücksspielsucht im Endstadium, das hieß für Armin: Preisgabe der letzten Sicherheiten an die flimmernden Truhen in seinem Stammlokal. Auf dem Spiel standen schließlich die Wohnung, die Liebe seiner Freundin, sein selbstbestimmtes Leben. Er hatte Glück im Unglück. Das bedeutete, dass er endlich aufflog. Dass er die Karten wegen erdrückender Schulden auf den Tisch legen musste - nach 24 Jahren geheimer Obsession.

Am schlimmsten ist Gewinnen

"Am schlimmsten ist, wenn du etwas gewinnst", sagt Armin heute. Nun, da er Dankbarkeit dafür empfindet, dass es bis zum Verlust der Wohnung kam. So zu sprechen, das musste er erst lernen. Man half ihm dabei in der ersten auf Glücksspielsucht spezialisierten Beratungsstelle in Berlin, dem "Café Beispiellos", seit 25 Jahren getragen von der Caritas, finanziert vom Senat. Als Armin 2010 hierher kam, in dieses Kreuzberger Ladenlokal, in dem er dann Woche für Woche sein eigenes Verhängnis in den Geschichten anderer Klienten wiedererkennen sollte - da geschah es nicht aus eigenem Antrieb. Seine Lebensgefährtin, die erst durch den Verlust der Unterkunft von dem Problem erfahren hatte, musste ihn bringen.

Er kam in einem Zustand, für den sie im "Café Beispiellos" ein spezielles Wort gebrauchen. "Leergespielt", nennt es Caritas-Sozialpädagogin Petra Lehe. Sie sieht diesen müden Ausdruck in vielen Gesichtern. Kaum mehr als zehn Prozent der Extrem-Spieler kommen überhaupt zur Einsicht, dass sie Hilfe brauchen. Manch einer überwindet sich, bricht die Gespräche aber nach einem Rückfall ab. Spieler bleibt man für immer, so wie ein Alkoholiker höchstens "trocken" durchs Leben gehen kann, aber nicht geheilt.

17 000 Spielsüchtige in Berlin

Etwa 17 000 Menschen leiden in Berlin an der Sucht, einen Gewinn herbeiführen zu wollen, entgegen aller Wahrscheinlichkeit. Bei weiteren 17 000 gilt das Spielverhalten zumindest als problematisch. Anders als Trinkern gelingt es Zockern häufig, ihr Leiden über lange Zeit geheim zu halten. Sie sind meist männlich, stammen aus unsicheren Familienverhältnissen und versuchen, fehlendes Selbstbewusstsein buchstäblich zu überspielen. "Sich selbst befüllen", das Aufladen mit neuer Selbstachtung - dieses Ziel eines "Leergespielten" - erreichte Armin im "Café Beispiellos" binnen zwei Jahren, in Gesprächskreisen mit Leidensgenossen, begleitet von Psychologin Dr. Ulrike Albrecht. Sie erkennt in Armins Fall nicht nur den typischen Suchtverlauf, sondern auch individuelle Stärken, die eine Enthüllung der Misere so schwierig machen. "Solche Menschen besitzen oft ein hohes Maß an sozialer Intelligenz", umschreibt sie die Kunst, andere zu beschwichtigen, die Verluste und die Ausflüge Richtung Casino zu erklären, ohne dass jemand Verdacht schöpft.

Dies ist der Grund, weshalb die Beratungsstelle auch Angehörigen der Spieler zu Gesprächen bittet. Die Frauen, die Mütter, die Komplizen. "Wir müssen Topf und Deckel verändern", sagt Albrecht. Es lässt Mitmenschen erschrecken, führt man ihnen ins Bewusstsein, wie sehr sie Teil des Problems sind. Wie sie durch das Geldverleihen den Teufelskreis neu befeuern.

Gleicher Vorsatz - gleiches Resultat

Dass Armin in einem Job arbeitet, bei dem er Geld bar ausgezahlt bekommt, begünstigte die Sucht erheblich. Die Arbeit selbst litt nie. Es geschah nach Feierabend, immer im selben Lokal, mit dem gleichen Vorsatz und mit dem gleichen Resultat: "Ich sagte mir, ich setze heute nur 20 Euro. Wenn die weg sind, gehe ich. Aber dann machte ich 50 Euro Gewinn und spielte immer weiter. Am Ende steht man mit leeren Taschen vor der Tür und fragt sich: Was hast du nur getan?" Seiner Freundin sagte Armin, er gehe Zigaretten holen. Und blieb dann stundenlang weg. "Sie dachte, ich habe eine Geliebte."

Armin hinterging sie in anderer Weise, nahm Geld vom Konto, das für einen gemeinsamen Urlaub bestimmt war, häufte den Schuldenberg auf 20 000 Euro an - die ausstehenden Mieten nicht eingerechnet. Das neue Spielhallengesetz? Davon hält der Betroffene wenig.

20 bis 40 Prozent Umsatzeinbußen

Der Verband Automatenwirtschaft selbstverständlich auch nicht. 20 bis 40 Prozent Umsatzeinbußen je nach Standort hätten Wirte in ihren Casinos hinzunehmen, heißt es. Höhere Vergnügungssteuer, verkürzte Öffnungszeiten. "Der Automat gewinnt immer", dieser Leitsatz gilt nur noch bedingt.

Bislang treffen die verschärften Auflagen aber lediglich neu eröffnende Lokale. Und im Internet blühen die fatalen Angebote mehr denn je. Der Spandauer SPD-Abgeordnete Daniel Buchholz - er trieb das Maßnahmenpaket 2011 entscheidend voran - glaubt dennoch an einen Erfolg des Gesetzes. "Nach einer Übergangsfrist von fünf Jahren erlöschen am 31. Juli 2016 alle Genehmigungen für bestehende Hallen, dann gilt nur noch neues Recht. Von Spielhallen geprägte Straßenzüge werden aus dem Stadtbild verschwinden", erwartet Buchholz.

Der Ort so vieler Niederlagen

Ein einziges Lokal bot Armin genügend Verlockungen, um ihn in den Ruin zu treiben. Das Verwalten seines Geldes überlässt er heute seiner Freundin und fühlt sich "nicht entmannt, sondern sicher". Bevor er nach getaner Arbeit nach Hause fährt, greift er zum Telefon, informiert die Frau, die zu ihm hielt. Sie soll wissen, dass er jetzt aufbricht. Und wenn er ihn antritt, den Heimweg, dann wählt er die altbekannte Strecke, vorbei an "seinem" Casino, dem Ort so vieler Niederlagen. Kein Vermeiden, kein Umweg. "Ich fahre dort vorbei - und winke."


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Spielhallen in Wohngebieten verbieten? Bei unserer Frage sprachen sich 94 Prozent der Abstimmenden dafür aus. Aus Sicht der Berliner Suchtbeauftragten Christine Köhler-Azara könnte ein Verbot durchaus helfen, soziale Probleme zu lindern. "Spielen an Geldspielautomaten birgt das höchste Risiko, krankhaft süchtig zu werden. Insofern kann jede Einschränkung der Verfügbarkeit dieser Automaten das Risiko senken", erklärte sie auf Anfrage. Die verschärfte Gesetzgebung, die zum Beispiel einen Mindestabstand zwischen den Casinos vorschreibt, hält sie für wirksam. "In Berlin haben wir die Rahmenbedingungen für Casinos weitgehend eingeschränkt", sagt die Suchtbeauftragten und fordert zugleich mehr Eigenverantwortung. "Letztlich kommt es auf jeden Einzelnen an, sich zu entscheiden und gar nicht erst in eine Spielhalle zu gehen." Was Schließungen anbelangt, ist Psychologin Dr. Ulrike Albrecht vom Café Beispiellos eher skeptisch. "Studien zeigen, dass vor allem Minderjährige, die als besonders suchtgefährdet einzuschätzen sind, online erste Glücksspielerfahrungen machen." Im Internet seien Glücksspiele unbegrenzt rund um die Uhr verfügbar - ohne jede Kontrolle.

Kampf dem Glücksspiel

Seit Inkrafttreten des neuen Spielhallengesetzes Anfang 2011 gelten für neu eröffnende Casinos schärfere Regeln. Zu beachten ist ein Mindestabstand von 500 Metern zu bestehenden Spielhallen und Jugendeinrichtungen. Es darf sich nur noch ein Lokal dieser Art in einem Haus befinden. Das Anbieten von kostenlose Speisen und Getränke ist verboten. Zudem wurde die Zahl der maximal erlaubten Spielautomaten von zwölf auf acht gesenkt, die Vergnügungssteuer auf Einnahmen durch Automaten von elf auf 20 Prozent erhöht. Davon werden Angebote zur Suchtprävention finanziert. Auch das 1987 gegründete "Café Beispiellos" in der Wartenburgstraße 8 arbeitet mit Geld von der Senatsverwaltung für Gesundheit. Die erste Beratungsstelle für Glücksspielsucht wird getragen vom Caritasverband im Erzbistum Berlin. 2011 gab es Angebote für 587 Betroffenen und 285 Angehörige. Zu beobachten ist aber ein neuer Trend: der Hang zum Glücksspiel im Internet.


Thomas Schubert / tsc
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