Plädoyer für eine neue Leitkultur: Raed Saleh schrieb das Buch „Ich Deutsch“

Große Häuserblöcke, und dazwischen ein bischen Farbe: Raed Saleh im Spandauer Viertel seiner Kindheit. (Foto: Christian Schindler)
 
Das Cover von Salehs Buch. (Foto: Christian Schindler)

Spandau. Mit seinem Buch „Ich Deutsch“ plädiert der Spandauer SPD-Vorsitzende und Vorsitzende der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Raed Saleh, für eine neue deutsche Leitkultur – beweglich und offen, und doch mit strikten Regeln.

Wenn man sich mit Raed Saleh zum Gespräch über sein Buch verabreden möchte, kommt schnell die Einladung zu einem Spaziergang durch die Großsiedlungen an der Heerstraße. Hier kam Raed Saleh 1982 im Alter von fünf Jahren an, als seine Familie aus Sebastia im heutigen Palästinensischen Autonomiegebiet nach Berlin emigrierte. Noch heute lebt hier seine Mutter.

Bevor das Gespräch auf sein Buch kommt, zeigt er auf Pflastersteine, die von Baumwurzeln angehoben wurden, dann auf einen geschlossenen Spielplatz mitten in einem Wohnblock. „Das geht nicht“, sagt Saleh, und sieht zugleich Hoffnung für das Quartier. Zwei Sicherheitsleute queren den Weg, schauen nach, ob Treppenhäuser verschlossen sind oder Müll wegzuschaffen ist. „Die kümmern sich“, sagt Saleh, und freut sich über die große Zahl von Kindern, die einen anderen Spielplatz nutzt.

Einst hatte die Siedlung der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GSW gehört, jetzt gehören die Blöcke an Heer- und Sandstraße zu ADO Properties, einem börsennotierten Konzern. Saleh hatte sich einst gegen den Verkauf der GSW an private Investoren ausgesprochen. Städtische Wohnungsbaugesellschaften gehören für ihn zur Daseinsvorsorge, sowie Stadtwerke oder auch ein funktionierender Sozialstaat. Das ist für ihn unantastbarer Bestandteil deutscher Leitkultur. Doch dazu später.

Zwischen den Wohnhochhäusern der Heerstraße werden die biografischen Erlebnisse von Raed Saleh aufgerufen, mit denen er sein Leitkultur-Plädoyer persönlich begründet. Das beginnt bei der Lehrerin, die den kleine Raed anfuhr, als dieser beim gemeinsamen Frühstück in der Grundschule nicht zum ersten Brötchen griff, weil dieses mit Schweinefleisch belegt war, sondern nach einer Schrippe weiter hinten mit Rindersalami. Da war der muslimische Junge noch der Außenseiter, was ihn auch die Lehrerin spüren ließ. Viel später nimmt ihn eine andere Lehrerin in Schutz gegen unberechtigte Verdächtigungen eines Schülerstreichs. Als er wiederum später als junger Mitarbeiter in einem Schnellrestaurant einen farbigen Kollegen gegen rassistische Beleidigungen eines Vorgesetzten verteidigte, war ihm wahrscheinlich ebenso wenig bewusst wie gerade genannter Lehrerin, dass er eine neue deutsche Leitkultur praktizierte.

Bassam Tibi prägt Begriff der neuen Deutschen Leitkultur

Damit ist ein Begriff gemeint, den einst der syrischstämmige Göttinger Politikprofessor Bassam Tibi einführte, und der später von konservativen Politikern wie dem ehemaligen CDU-Bundestagsabgeordneten Friedrich Merz und Bundesinnenminister Thomas de Mazière (CDU) aufgegriffen wurde. Ihnen allen liegt ein bedingungsloses Bekenntnis zum Grundgesetz zugrunde, das auch für Saleh ein unverzichtbares Fundamt ist, gerade wegen seines uneingeschränkten Bekenntnisses zur Menschenwürde und für gleiche Rechte für alle Menschen. Daraus leitet Saleh auch Regeln ab, an die sich alle zu halten haben. Dazu gehört aber auch die Toleranz gegenüber Einwanderern, von denen selbst Toleranz gefordert wird gegenüber Lebensentwürfen, die nicht die ihren sind: „Wer also ein Minarett bauen darf, muss auf der anderen Seite akzeptieren, wenn sich zwei Männer auf der Straße küssen“, schreibt Saleh. Im Gespräch nennt es das so: "Wir müssen uns aushalten."

Saleh, der sein Buch zusammen mit dem Journalisten Markus Frenzel geschrieben hat, führt auch Selbstverständlichkeiten auf, die es aber in Zeiten des Rechtspopulismus immer wieder zu betonen gilt: Wenn selbsternannte Patrioten gegen Islam und Einwanderer hetzen, vergessen sie die Maxime des Preußenkönigs Friedrichs des Großen, demzufolge in seinem Land „jeder nach seiner Fasson selig“ werden könne. Der Politiker Saleh liefert viele überzeugende Gründe, auf ein offenes und gerade deswegen erfolgreiches Deutschland stolz zu sein.

75 Prozent glauben nicht an ihren Aufstieg

Der provokante Titel mit dem Satzbruchteil „Ich deutsch“ zeigt aber auch, dass es in der Praxis noch sehr viele Schritte braucht, die Chancen dieses Landes anzunehmen. Aus dem kleinen Raed, der sich an der Heerstraße vor Jugendgangs fürchtete, und trotzdem regelmäßig in der Stadtteilbibliothek abends bis zum Schluss blieb, wurde erst ein erfolgreicher Unternehmer und dann ein Politiker, dessen Karriere mit dem Abgeordnetenhausmandat wohl noch lange nicht ihren Höhepunkt erreicht hat. Und zugleich muss er betonen, dass in dem Viertel seiner Kindheit, das ihm immer noch am Herzen liegt, nach wie vor 75 Prozent der Menschen nicht mehr an ihren sozialen Aufstieg glauben. Damit der Begriff „Deutsch“ leuchtet, und auch in kompletten Sätzen verwendet wird, muss hier noch viel geschehen. CS

„Ich Deutsch“ von Raed Saleh ist im Verlag Hoffmann und Campe in Hamburg erschienen, hat 223 Seiten und kostet 20 Euro (ISBN 978-3-455-00165-5).
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