Mein Sommer in Berlin

Es hat mir die Sprache verschlagen, als Mutti ins Zimmer trat und sagte, dass wir nicht in den Urlaub auf Mallorca fliegen. Dabei hatte ich mich schon so darauf gefreut, neue Freunde zu finden, am Strand in der Sonne zu liegen oder mich todesmutig in die Fluten zu stürzen. Und nun wollte Mutti, dass wir es uns Zuhause gemütlich machen. Gemütlich machen, wie das schon klang. In Berlin von einem Museum ins andere latschen, als wenn ich mich dafür interessieren würde. Schade, das ich noch nicht groß bin, um meine eignen Entscheidungen treffen zu können. Missmutig ließ ich mich auf das Bett fallen und hörte laute Musik, die Mutti so gar nicht mochte. Aber da musste sie durch.

Am Morgen in der Früh weckte sie mich und rief: " Auf, auf, rief der Fuchs zum Hasen, hörst du nicht die Jäger blasen !... Wir fahren zu Oma auf die Datsche". Noch ganz verschlafen rieb ich mir die Augen und rief mit kratziger Stimme: " Lass mich in Ruhe !" und gähnte demonstrativ. Doch Mutti ließ nicht locker, lächelnd zog sie mir die Decke weg und strich mir burschikos durch das Haar.

Am Hauptbahnhof angekommen hatte ich mich noch immer nicht vollends von Muttis Überfall erholt, aber als wir in der S-Bahn saßen und die vielen schmucken Häuser, Parkanlagen und Brücken wie kleine Spielzeuge an mir vorbei rasten, da war ich schon sehr erstaunt wie sich Berlin verändert hat. Neben der herrlichen Altstadt an der Spree gelegen, winkte ich reflexartig den fröhlichen Menschen zu, die sich an Bord der Ausflugsschiffe auf einer Historischen Stadtrundfahrt befanden. Oder war es eine der City Touren ? Nun, woher sollte ich das wissen. Ist ja auch egal. Jedenfalls konnte ich jetzt verstehen, warum die vielen Touristen so gern unsere Stadt besuchten. Nachdenklich schloss ich die Augen und plötzlich kam mir Lisa in den Sinn. Die am Rande der Stadt wohnte und die ich lange nicht mehr gesehen hatte. Sollte es vielleicht doch noch ein schöner Urlaub werden ? Kaum sind wir angekommen, haben Oma begrüßt, packe ich den Badeanzug ein und laufe zum nahe gelegenen See. Lisa ist auch schon da, sie lässt die Buddel schippe fallen und mit einem Freuden Schrei fällt sie mir in die Arme. Übermütig stürzen wir uns in die eiskalte See, bis uns die Gänsehaut ans Ufer treibt. Ausgelassen tollen wir noch im Sand und erst als die Sonne untergeht, packen wir eilig unsere Sachen zusammen und rennen Oma entgegen, die schon ungeduldig auf uns wartet. Mutti ist leicht verstimmt, sie fühlt sich alleine gelassen. Und so holen wir am nächsten Tag kurz entschlossen die Fahrräder aus dem Schuppen. Befestigen den Schmucken Fahrkorb mit den Leckereien auf dem Gepäckträger und fahren vergnügt auf den neu angelegten Fahrradweg, der in die Stadt führt. Wir kommen an riesigen Baggerschaufeln vorbei, die hinter hohen Bauzäunen die Erde aufreißen. Nun ja, der Bauboom in Berlin ist ungebrochen, alles soll schneller, besser und schöner werden und wir staunen nicht schlecht, wie die Kraftfahrer sich geduldig oder auch manchmal ungeduldig auf Umwegen durch die Straßen schlängeln. Puh, endlich haben auch wir unser Ziel erreicht. Auf einer Wiese im Schlosspark, umgeben von einem herrlichen alten Baumbestand finden wir die nötige Ruhe und Picknicken nach Herzenslust, beobachten die Vögel und lassen die Seele baumeln. Wir haben Glück, auch am nächsten Tag ist das Wetter schön, und ich bin begeistert als ich höre, das es in den Tierpark geht. Basti mein älterer Bruder verliebt sich spontan in einen Eisbären, der ihn sehr an Knut erinnert. Und wir müssen lachen als uns die Flamingos ein Stück des Weges begleiten. Rechts von uns verstecken sich die possierlichen kleinen Erdmännchen in ihrem Bau, nachdem sie neugierig die Besucher in Augenschein genommen haben. Vor dem Elefantenhaus schießt Papa ein Foto, dann noch eins und dann noch eins. Bis Mutti sagt, nun ist es genug und fotogen sei sie sowieso nicht. Mir qualmen langsam die Füße, aber eine Heulsuse will ich nicht sein. Auf einer Bank ( endlich) schmieden wir voller Tatendrang Pläne für die kommenden Tage.

Nun sitzen wir zufrieden, mitten in der Stadt, auf einer der Wunderschönen Terrassen, bei Kuchen und Kakao und beobachten mit Spannung den herrlichen Sonnenuntergang über der Spree. Doch die Krönung ist für mich, der Besuch im Kino am Potsdamer Platz, wo ich mich in die weichen Sitze lümmele und mir genüsslich das Popcorn in den Mund schiebe und mit großen Augen den Trickfilm, der eigentlich für Babys gedacht ist, verfolge. Als ich später Mutti davon erzähle, werden mir vor Freude die Augen feucht, natürlich nur vom Wind, wie ich ihr wortreich beteuere.

Übrigens: Nach tränenreichen Abschied von der Oma, verbrachten wir die letzten Tage, unserer Ferien, auf dem Balkon, zwischen Geranien, Margeriten und einem kleinen Kräuterbeet. Der Kater von nebenan, hatte sich schon vor Stunden lautlos zu uns gesellt. Und liegt nun gelangweilt auf der Fensterbank und blinzelt in die Sonne. Wir hocken auf einem Klappstuhl, die Füße ins kalte Wasser gesteckt, trinken Eisgekühlte Limo, essen Schmalz Stullen und blicken auf die Spitze des Fernsehturmes. Mutti wärmt derweil alte Kamellen auf, von denen sie nie genug bekommen kann, und dann spielen wir "Mensch ärgere dich nicht", halten uns vor Lachen den Bauch, als Papa wiedermal verliert. Nun, es heißt nicht zu Unrecht: Mensch ärgere dich nicht. Da kann es schon vorkommen, das man ein bisschen Schadenfroh in die Augen der Mitspieler schaut.

Am späten Abend, als ich mir noch immer die Lach tränen aus dem Gesicht wische, sagt Basti plötzlich:" Ach Mutti, kann ich noch eene Stulle haben ?" und auch aus Papa´s Ecke tönt es:" Und mir bitte ein Bier !". Erschrocken lässt Mutti die Figürchen fallen und eilt in die Küche. Und ich denke: Genauso muss Urlaub sein.



Eure Lesereporterin Karin aus französisch Buchholz
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