Uhrmacher und Juwelier Lorenz besteht seit 140 Jahren

Jens und Smita Lorenz vor der "Friedens-Uhr" in den Geschäftsräumen des Traditionshauses. (Foto: KEN)

Friedenau. Nur wenige Fachgeschäfte können 100-jähriges Bestehen, geschweige denn ein noch größeres Jubiläum feiern. Die Friedenauer Feinuhrmacher und Juweliere Lorenz sind seit 140 Jahren am Ort.

Das beruht gewiss auf Erfahrung, Mut und Weitsicht und einem Quäntchen Glück. Inhaber Jens Lorenz aber sagt: "In der Firma Lorenz waren immer die Frauen wegweisend, wenn sie auch im Hintergrund handelten. Alle waren emanzipiert. Ihr Selbstverständnis bezogen sie aus ihrem Tun, Wissen und Können. Sie haben stets dafür gesorgt, dass die Männer nicht abheben." So besteht schon in fünfter Generation die Fähigkeit fort, selbst in schwierigsten Zeiten die Zukunft mit Zuversicht und Energie zu planen und zu gestalten.

Es war ein Uhrmacher namens Löhner, der im April 1874 eine Werkstatt im frisch gegründeten Friedenau eröffnet. Er hatte wenig Erfolg. Im Jahr zuvor hatte es an der Börse den "Gründerkrach" gegeben. Löhner versuchte anderweitig sein Glück. Sein Gehilfe übernahm am 1. Dezember 1874 die Uhrmacherwerkstatt und verkauft fortan auch Schmuck.

Der Gehilfe hieß Reinhard Schulze, war der Ururonkel der Familie Lorenz und wirkte auch noch als ehrenamtlicher Steuererheber und Standesbeamter in Friedenau. Im Ort wollte er nicht nur Geschäfte machen, sondern sich auch als Bürger für seine Gemeinde einsetzen. Diese Gesinnung soll Tradition im Hause Lorenz werden.

Im September 1887 stellte Schulze seinen Neffen und Uhrmachergesellen Hans Lorenz ein.

Der gleichzeitige Mitbegründer der Ortskrankenkasse, damals eine umwälzende Neuheit, übernahm sieben Jahre später ein bereits florierendes Geschäft, zog in die heutige Rheinstraße 55 dann in die Rheinstraße 59. Präzisionsuhrmacher Alexander Frenzel aus Glashütte, der 1922 auf eine Zeitungsannonce hin zu Hans Lorenz gekommen war, gefiel dem Firmenchef - und seiner Tochter Gertrud. Das Paar heiratete und wurde bald Mitinhaber.

Zuvor hatte der Erste Weltkrieg jedoch einen tiefen Einschnitt bedeutet. Erst zu Beginn der 30er-Jahre ging es wieder aufwärts. Bedeutende Persönlichkeiten wie der Atomphysiker Otto Hahn gehörten dann zur Kundschaft.

Die Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs überstand das Haus Lorenz nur gering beschädigt. Wieder waren es Können und Fleiß, die das Geschäft hochbrachten. Die US-amerikanischen Headquarters European Command (Europäisches Kommando der Vereinigten Staaten) interessierten sich für das Meisterstück Alexander Frenzels: eine selbstgefertigte astronomische Sekundenpendeluhr. Ab 1948 meldete die Lorenz-Uhr direkt die Normalzeit an den RIAS Berlin.

Nach der Berlin-Blockade lockte ein privates Uhrenmuseum die Kunden ins Geschäft. Alexander Frenzel hatte es aus seinen verwahrten Glashütter Beständen bestückt. Vorbei an alten Kirchturmuhren aus dem 18. und 19. Jahrhundert geht es heute hinab ins Uhr- und Zeitmuseum in einem mittelalterlich anmutenden Gewölbekeller. Wie Jens Lorenz stolz erläutert, ist hier chronologisch eine 3000-jährige Uhren- und Uhrmachergeschichte zu erleben, von der Sonnen- bis zur GPS-Uhr.

1961 übernahmen die Frenzel-Tochter Brigitte und ihr Ehemann Herbert Pötschke das Geschäft. Die beiden Gemmologen, Sachverständige für Schmuck und Edelsteine, haben sich während ihrer Uhrmacherlehre kennengelernt.

1989 wurde auch für das Haus Lorenz zum symbolträchtigen Jahr. Für den 9. November war die Übergabe der Firma an den Sohn Jens Lorenz und seine Frau Smita geplant. Aus diesem Anlass hatten Vater und Sohn eine drei Meter hohe und 2,5 Tonnen schwere Uhr mit der Inschrift "Zeit sprengt alle Mauern" entworfen.

Am Festabend mit 250 Gästen traf die Nachricht ein: die Mauer ist gefallen. Jens Lorenz erinnert sich: "Ein Gast rief: Dann ist das eine Friedensuhr." Das Werkstück, das die Kunden mit seinem sanften, gleichmäßigen Ticken auf die besondere Atmosphäre im Geschäft einstimmt, wurde für Jens Lorenz zum "Symbol eines neuen Aufbruchs deutscher Politik", der heutige Firmenchef zum Stifter eines Friedenspreises. Als edle Miniaturreplik ging und geht die Uhr seit 1992 an Persönlichkeiten, die sich um den Mauerfall und den Weltfrieden verdient gemacht haben, darunter an Michail Gorbatschow, Ronald Reagan, Helmut Kohl, George Bush, Papst Johannes Paul VI., Mutter Teresa und Hans-Dietrich Genscher.

Seit 25 Jahren stehen Jens Lorenz und seine Frau an der Spitze eines Unternehmens, das so alt wie Friedenau ist. Seine Geschichte ist eng mit den Geschicken der Stadt verbunden. Jens Lorenz sieht sich als "Mittler" zwischen den Kreativen der Schmuck- und Uhrenbranche und den Kunden. 25 Mitarbeiter im Verkauf, in den Werkstätten, in der Verwaltung, im Versand und in der Dekoration sorgen für das Wohlgefühl der Stammkunden aus ganz Berlin, Russland und Asien. Wie es in den nächsten 140 Jahren weitergeht, wird die Zeit weisen. Die drei Kinder von Jens und Smita Lorenz verfolgen ihre beruflichen Karrieren in den USA und in der Schweiz.


Karen Noetzel / KEN
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