Blickfang am Tierpark: Heinrich-Dathe-Platz hat ein neues Schmuckstück

1010 vor "seiner" Hauswand am Heinrich-Dathe-Platz. Sein Gesicht will der Künstler ebenso wenig in die Kamera halten, wie seinen Namen preis geben. (Foto: Berit Müller)
 
Macht sich gut am Heinrich-Dathe-Platz: Das neue Fassadenbild vom Streetart-Künstler 1010. (Foto: Berit Müller)

Friedrichsfelde. Das Bild ist nicht so leicht zu beschreiben, und genau das hat der Künstler bezweckt. Jeder soll sich selbst seinen Reim machen - auf das Riesengemälde, das neuerdings am Giebel der Erich-Kurz-Straße 9-11 prangt.

Es muss ein ähnlich grauer Tag gewesen sein, an dem ihm ein Motiv in den Kopf schoss, das die Tristesse vertreiben sollte. Bloß, dass damals Winter war und nicht Hochsommer. „Aber das ist in Hamburg eigentlich egal“, sagt der Streetart-Künstler, der sich 1010 nennt und aus der Hansestadt stammt.

„Da schüttet es fast immer.“ So, wie an diesem ungemütlichen Julinachmittag in Berlin- Friedrichsfelde. 1010 hockt im strömenden Regen vor „seiner“ Wand am Heinrich-Dathe-Platz und wirkt trotz des Wetters nicht unzufrieden. Sein gut 30 Meter hohes Fassadenbild ist nahezu fertig, nur die Signatur fehlt noch. Aber das kann bis morgen warten. Der junge Hamburger liegt perfekt im Zeitplan. Eine knappe Woche hat er gebraucht, um eine schlichte Hauswand in ein Kunstwerk zu verwandeln. In kräftigen Farben zeigt es Ringe und Schlaufen, dank einer speziellen Technik mit dreidimensionalem Effekt.

Es ist bereits das vierte Fassadenbild im Rahmen von Lichtenberg Open Art (LOA) – einer Initiative der Howoge. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft will mit ihrem Kunstprojekt eine für jedermann erlebbare Freiluftgalerie schaffen und Kieze verschönern. Neben dem Friedrichsfelder Wandschmuck gibt es in Lichtenberg noch einen in der Frankfurter Allee 192, der Landberger Allee 228B und am Warnitzer Bogen.

Bild ohne Namen

Einen Namen hat die jüngste Schöpfung nicht. „Tropfen und Ringe“ lautete zwar der Arbeitstitel, den 1010 aber keineswegs diktieren will. „Die Leute sollen selbst entscheiden, wie sie das Bild nennen – je nach Stimmung, eigener Wahrnehmung oder Wetter. Ich möchte, dass sie es für sich interpretieren und nicht alle das Gleiche sehen. Die Medien schreiben uns doch schon alles vor, die Kunst muss das nicht auch noch.“

Keine Frage: Der Künstler mag es nicht, sämtlichen Dingen eine Bezeichnung zu verpassen und sie damit in Schubladen zu stecken. Am liebsten käme er selbst ohne aus. „Ging aber nicht“, erzählt er. „Die Menschen brauchen Namen.“ Weil er seinen eigenen nicht preisgeben will, wählte er für sich das Pseudonym 1010 – ausgesprochen Eins Null Eins Null. Er sagt, dass es für den Binärcode steht, also wahr/falsch, und eine Verbindung zwischen Kunst und Sprache schaffen soll.

1010 ist in Hamburg Bergedorf aufgewachsen, in einer Hochhaussiedlung, dem Friedrichfelder Wohnviertel nicht unähnlich. „Ich mag solche Kieze“, versichert er. „Sie sind bunter und lebendiger als die schicken Gegenden.“ Mit Künstlern kam er dort allerdings nicht in Berührung. „Bis ich 20 war, kannte ich keinen einzigen. Was ich an Kreativem gesehen habe, waren Graffiti. Also fing ich selbst damit an.“ Da war er erst 14.

Weltweit tätig

Später hat er Illustration studiert und sich einige Jahre kaum noch mit Streetart beschäftigt. Irgendwann entdeckte er sie wieder für sich. In den vergangenen drei Jahren hat er Fassaden auf der ganzen Welt gestaltet. Nach Berlin kam er direkt aus Montreal, vorher schuf er Murals, wie Wandbilder auch genannt werden, in den USA, in Dubai und Italien. Seine Heimatstadt sah ihn nur zu Zwischenstopps.

Für das Projekt in der Erich-Kurz-Straße hat er sich mit seinem Entwurf „Tropfen und Ringe“ beworben – entstanden an einem tristen Wintertag in Hamburg. Die Skizze kam in die engere Auswahl und erhielt von der Howoge schließlich den Zuschlag. Gut 120 Liter Farbe, 25 Farbrollen und eine Airbrush-Anlage brauchte 1010 für sein Riesenkunstwerk.

Begonnen hat er mit einer schwarzen Grundierung, was in der Fassadenmalerei nicht unüblich ist. Die finstere Wand wurde von Passanten und Anwohner zunächst kritisch beäugt, Skepsis machte sich breit. „Die Leute sind so ungeduldig“, wundert sich 1010. „Aber als die Farben dazu kamen, gab es endlich auch positive Resonanz.“ Die dürfte sich inzwischen durchgesetzt haben. Beim Fassaden-Kunst-Fest anlässlich der Einweihung erntete der Künstler für den neuen Blickfang in Friedrichfelde jede Menge Lob. bm
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