Familie Czech hat in ihrer Wohnung in der 11. Etage ein Stück Verkehrsgeschichte eingebaut

Voller Stolz führt Siegfried Czech durch seinen Wohnungseingang – einen U-Bahnwagen von 1928. (Foto: Klaus Teßmann)
 
Hinter dieser Tür liegt das Arbeitszimmer des Sammlers Siegfried Czech. (Foto: Klaus Teßmann)

Friedrichsfelde. Besucher der Familie Czech in Alt-Friedrichsfelde staunen nicht schlecht. Sie werden in einem alten U-Bahnwagen empfangen. Gäste müssen natürlich in der U-Bahn Platz nehmen.

Es ist einer der ältesten U-Bahnwagen, die für die Berliner U-Bahn gebaut wurden. Der Wagen fuhr unter der Original-Nummer 357 bis November 1972 in Westberlin. In den Jahren 1928/1929 wurde die Reihe A II u gebaut und 1964 umgerüstet. Für diesen Umbau steht das „u“ in der Typenbezeichnung. 1972 wurde dieser Wagen aus dem Kleinprofil der BVG-West ausgemustert. Eigentlich sollte er verschrottet werden. Doch die Ostberliner Verkehrsbetriebe brauchte dringend U-Bahnwagen. Für neue Züge war in der Hauptstadt der DDR das Geld nicht vorhanden, so wurden die alten Wagen aus Westberlin gekauft. Der Zug fuhr dann bis zur Wende 1989 auf der Linie A, der heutigen Linie U2. „Die letzten Züge wurden im November 1989 außer Dienst gestellt“, berichtet Siegfried Czech.

Der Wagen stand dann auf dem Abstellgleis auf dem Betriebshof in Friedrichsfelde. Zufällig las Siegfried Czech davon in der Tageszeitung und rief in der Werkstatt an, ob er sich für seine historische Sammlung einige Teile ausbauen kann. Czech beschäftigt sich seit 1974 mit der Geschichte der Stadt Berlin und hat sich seit 1980 auf die Verkehrsmittel spezialisiert. Er wollte einige Teile haben, um sie vielleicht einmal bei Ausstellungen zu zeigen. Doch zunächst lehnte der Werkstattleiter alle Bemühungen ab. „Man kam ja damals gar nicht auf das BVG-Gelände“, erinnert Czech. Das war ja auch eine Tabu-Region. Er war dann überrascht, als er doch noch einen Anruf bekam, dass er an einem Sonnabend für ein paar Stunden in die Werkstatt durfte.

Viele kleine Details

„Ich bin also mit meinem Trabant-Kombi und meinem Werkzeugkoffer bis an das Abstellgleis gefahren“, erzählt Czech. „Das war damals ein großes Zugeständnis.“ Er schraubte die Verkleidung ab, die Handgriffe und Laufleisten. Die Kiste für den Feuerlöscher und die Notbremsen waren dem Sammler wichtig. Schließlich baute er auch noch viele weitere Teile und die Türen aus. Die elektrischen Einrichtungen vom Fahrschalter wechselten den Besitzer. Auch den Sitz nahm er mit. Vor allem suchte Siegfried Czech nach den vielen kleinen Details. Es waren noch die Schilder vorhanden, die Rahmen für die Werbung und die Streckenpläne. „Zu dem Zeitpunkt, war mir noch gar nicht bewusst, was ich damit machen soll.“

Erst als er mit Hilfe seiner 14-jährigen Tochter seine ganzen Schätze in die 11. Etage hochfuhr, kam ihm die Idee den Flur der Wohnung als ein Abteil des U-Bahnwagens umzubauen. Zum Glück war die Ehefrau nicht zu Hause, sodass der ganze Flur mit dem „U-Bahnschrott“ voll stand. Nach drei Monaten wurde dann im Flur ein Abteil eingebaut.

Alles funktioniert

Der Flur ist zwar so hoch wie der U-Bahnwagen aber rund einen Meter schmaler. So ging praktisch nur ein halbes Abteil in den Wohnungsflur. Aber alles funktioniert. Die Türen lassen sich öffnen, wenn man an der Notbremse zieht, geht das Licht an. Als Ergebnis seiner Arbeit hat sich Siegfried Czech dann bei der Arbeitsgemeinschaft historischen U-Bahnen angemeldet und dort auch zehn Jahre lang mitgearbeitet. „Wir haben alte Wagen wieder flott gemacht, und wir sind bei Sonderfahrten in historischen BVG-Uniformen mitgefahren“, berichtet Czech.

Nach wie vor ist dieser U-Bahnwagen für den Sammler nicht nur ein Stück Berliner Verkehrsgeschichte, sondern auch ein Stück Kindheitserinnerungen. Es waren die U-Bahnen, in den vorn in einem kleinen Raum der Fahrer saß, daneben war eine offene Fläche für den Zugbegleiter. Vor allem war es für die Kinder interessant, sie konnten sich vorbeidrücken und durch die großen Fenster einen Blick in den Tunnel erhaschen. „Wir standen sofort auf dem Platz des Zugbegleiters“, erinnert sich Czech. "Auf jedem Bahnhof kam der Begleiter raus auf den Bahnsteig, sorgte für Ordnung und Sicherheit. Wenn alle Fahrgäste im Zug waren, dann klopfte er gegen die Scheibe und rief ganz laut: abfahren!." KT
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