An der Pufendorfstraße sind rund 3000 Tote entdeckt worden

Das Baugrundstück an der Pufendorfstraße. Vorne sind die freigelegten Grabstellen zu erkennen. (Foto: Thomas Frey)
 
Auf dem Grundstück werden zunächst die Toten geborgen. Erst danach kann dort gebaut werden. (Foto: Thomas Frey)
Berlin: Pufendorfstraße |

Friedrichshain. Der ehemalige Armenfriedhof auf einem Baugrundstück an der Pufendorfstraße hat in den vergangenen Tagen einige Wellen geschlagen. Dort sind bisher etwa 3000 sterbliche Überreste von Menschen gefunden worden.

Sie werden auf den Friedhof in Plötzensee umgebettet. Zuvor gibt es Untersuchungen einiger Skelette, und ein kleiner Teil kommt für weitere Forschungen in das Depot der Berliner Bodenfunde.

Trotz der großen Zahl versteht Gregor Döhner die aktuelle Aufregung nicht wirklich. Der Archäologe kommt von der Firma Archaeofakt aus Weissensee, die mit den Ausgrabungen seit dem Sommer beauftragt ist. Schon beim Blick in das Register ehemaliger Friedhöfe wäre ziemlich klar gewesen, dass sie hier auf Gräber stoßen würden. Mit diesen Aussagen wird gleichzeitig die Frage beantwortet, ob der Bauherr, die Hamburger B&L-Gruppe, von dem Fund überrascht wurde. Der Archäologe verneint das ebenso wie er kolportierte Mehrausgaben, bei denen über Summen in Millionenhöhe spekuliert wurde, in das Reich der Fabel verweist. Er werde den wirklichen Betrag nicht nennen. Nur so viel: "Zwischen dem, was da herumgeistert und den wirklichen Kosten besteht eine Entfernung wie zwischen Erde und Mond."

Bauprojekt nicht gefährdet

Für Befürchtungen, das gesamte Projekt stehe vielleicht auf der Kippe, gebe es ebenfalls keinen Anlass. Selbst Verzögerungen wären, wenn überhaupt, höchstens minimal. Auch wenn die Ausgrabungen 2017 noch weitergehen sollen. Sie müssen vom Investor bezahlt werden.

Die B&L-Gruppe will auf dem Grundstück das neue Quartier „Böhmisches Viertel“ mit rund 400 Wohnungen bauen. Weitere 200 entstehen südlich davon an der Friedenstraße in Verantwortung der Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM). In diesem Teil wurden keine Grabstellen ausgemacht.

Er und seine Kollegen seien nicht dazu da, ein Bauvorhaben zu erschweren, sagt Gregor Döhner. Aber es geht bei dem, was sie machen, nicht nur um den würdevollen Umgang mit längst Verstorbenen, sondern auch um einen Blick in die Geschichte.

Beides ist wahrscheinlich der Grund dafür, warum der Friedhof zuletzt so im Fokus stand. Er berührt zwei Punkte, die nicht nur, aber gerade in Berlin gerne ausgeklammert oder häufig wenig beachtet werden: Den Tod und die Vergangenheit der Stadt.

Friedhöfe vor die Städte

Für Gregor Döhner ist der Blick in frühere Epochen Beruf, und wenn er erzählt, entsteht der Eindruck, als sei das auch seine Passion. Er kann über die veränderte Friedhofkultur seit dem Ende des 18. Jahrhunderts berichten, als Begräbnisstätten vom Zentrum, rund um den Kirchturm, immer mehr an die Peripherie verlagert wurden. Eine zunehmende Bevölkerung, die mehr Platz brauchte sei dafür ebenso ausschlaggebend gewesen, wie ein verändertes gesellschaftliches Bewusstsein, das immer weniger an die Endlichkeit erinnert werden wollte.

In Berlin lässt sich das anhand der vielen Friedhöfe nachvollziehen, die einst jenseits der damaligen Stadtgrenze angelegt wurden. Auch bei dem Areal, das der Magistrat 1822 vor dem Landsberger Tor erwarb zwecks Einrichten einer Armenbegräbnisstätte. Gemeint ist das Gelände an der Pufendorfstraße. Zehn Jahre später wurden dort die ersten Toten beerdigt. Nicht nur Arme waren darunter, sondern auch viele Opfer der in dieser Zeit grassierenden Choleraepedemie. Sie erhielten schon aus Angst vor Ansteckung und in Unkenntnis der Ursachen der Krankheit ein Grab außerhalb der Stadt. Viele Leichen waren zuvor seziert worden. Meist passierte das in der Charité, wo die Ärzte dadurch den Ursachen der Cholera und später auch anderer Krankheiten auf die Spur kommen wollten.

Ähnliche Funde bei anderen Bauvorhaben wahrscheinlich

Auf dem Armenfriedhof gab es keine Einzelgräber, sondern Gräben mit Holzkisten. In ihnen befanden sich mindestens fünf Tote. Nach außen waren die Gräber nicht durch einen Stein oder eine andere Markierung gekennzeichnet. Auch deshalb wurde der Friedhof, erst recht nach seiner Aufgabe, sehr schnell nur noch als Freifläche wahrgenommen. Obwohl er einst die größte Begräbnisstätte dieser Art in Berlin war.

Bereits vor seiner Schließung 1881 entstand 1868 an seiner Grenze das Böhmische Brauhaus. Wenig später wurde die Pufendorfstraße gebaut. Danach geriet der Friedhof in Vergessenheit.

Auch unter der Straße und vielleicht auch westlich davon könnten sich möglicherweise noch Gräber finden lassen, meint Gregor Döhner. Dieses Areal grenzt wiederum an die Friedhöfe zwischen Friedenstraße und Landsberger Allee. Dort sollen jetzt ebenfalls einige Flächen bebaut werden, weil sie als Grabstätten nicht mehr benötigt werden.

tf
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