Konstruktives vom Oberkritiker: Carsten Joost legte Alternativpläne zur WBM-Bebauung vor

Eine Gebäudefront parallel zum Straßenland. Carsten Joost plädiert nicht nur hier an der Koppenstraße für eine solche Bebauung. (Foto: Planungsagentur)
 
Carsten Joost will an der Lebuser Straße seinen Neubau an den vorhandene Bestand anschließen. (Foto: Planungsagentur)

Friedrichshain. Bauvorhaben im Bezirk finden bei Carsten Joost selten Gnade. Mehr noch als seine ebenfalls nicht gerade harmoiesüchtigen Kollegen im Stadtplanungsausschuss hat der Bürgerdeputierte der Piraten an nahezu jedem Entwurf etwas auszusetzen.

Dabei kann der Architekt und Ex-Mediaspree versenken Aktivist auch konstruktiv sein. Das bewies er bei der Sitzung am 20. Januar.

Er war zuvor von seinen Kollegen aufgefordert worden, Alternativen zur geplanten Bebauung der Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) im westlichen Friedrichshain vorzulegen. Deren Idee, an rund 20 Stellen sogenannte Punkthochhäuser in die Landschaft zu setzen, stößt auf massiven Protest der Anwohner. Auch viele Ausschussmitglieder halten die Türme für ziemlich einfallslos. Gleichzeitig sind die meisten nicht grundsätzlich gegen eine Nachverdichtung. Neubauten werden gebraucht und gewünscht wird ein möglichst hoher Anteil an bezahlbaren Angeboten. Außerdem hofft der Bezirk auf manche Zugaben zur sozialen Infrastruktur wie Kitas, eine Schule oder Freizeiteinrichtungen.

Carsten Joost war also mit der Ausgangslage konfrontiert, Gegenentwürfe zu erarbeiten, die vielleicht auf etwas mehr Akzeptanz stoßen, ohne dass es dabei große Abstriche am Umfang der WBM-Pläne gibt. Wie er das löste, taugt zumindest für einen weiteren Diskussionsprozess. Auch wenn man nicht mit jeder seiner Ideen einverstanden sein muss.

Statt Punkthochhäuser auf Grünflächen plädiert er für Gebäude entlang der Straße oder als Anschluss an bisherige Brandwände. Etwa an der Krautstraße, wo sich die Mieter dagegen wehren, dass ihnen zwei Hochhausklötze vor die Nase gesetzt werden. Joosts Alternative: Zwei Stadthäuser nahe der Grundstücksgrenze. Sie ragen neun Meter weniger in den Innenhofbereich hinein, als die Vorhaben der WBM, rechnet er vor. Und sie sind nicht nur an dieser Stelle niedriger.

Plant die Wohnungsgesellschaft mit mindestens zehn Stockwerken, ist bei ihm bei maximal acht Schluss. Auch in Sachen Bauökonomie sei die Beschränkung ein Vorteil. "Bis zu acht Etagen braucht es zum Beispiel kein zweites Treppenhaus." Was im Umkehrschluss heißen kann: Trotz weniger Bruttogeschossfläche springt annähernd die gleiche Zahl an Wohnungen heraus.

Bei der Gesamtflächenzahl seiner überarbeiteten Grundstücke liege er bei einer ähnlichen Größenordnung wie die WBM, vielleicht sogar noch etwas darüber, sagt Joost. So auch beim Karl-Marx-Karree zwischen Koppen-und Lebuser Straße. An der Koppenstraße will er eine siebengeschossige Gebäudefront anstelle der von der Wohnungsbaugesellschaft zunächst favorisierten Punktgebäuden an der Nord- und Südseite. Wobei die Bebauung hier insgesamt fraglich ist. Denn Teile der Fläche gehören dem Bezirk. Und der wolle zunächst keine weiteren Grundstücke mehr abzugeben, sondern sie für eine mögliche eigene Nutzung vorhalten, so Immobilienstadträtin Jana Borkamp (Bündnis90/Grüne).

Auch an der westlichen Seite des Karrees an der Lebuser Straße hatte Carsten Joost seinen Klassiker parat. Sein Gebäude schließt sich dort an die vorhandene Bebauung an, statt eines Solitärs, wie von der WBM vorgesehen. Davor könnte ein Platz mit Geschäften und Restaurants entstehen, schwebt ihm vor.

Die WBM orientiert sich bei ihren Neubauvorhaben am bisherigen Bestand der vorwiegend aus Hochhäusern bestehenden Bebauung orientiert. Schon weil sich solche Pläne an vielen Stellen mit Hilfe des berühmten Paragrafen 34 Baugesetzbuch, also ohne einen Bebauungsplan, umsetzen lassen. Ein Vorgehen, das nicht zuletzt Zeit sparen sollte. Denn schnell wurde klar, dass die Wohnungsbaugesellschaft auch unter einem gewissen Druck des Senats stand, der möglichst schnell neue Wohnungen erwartete. Nach dem einsetzenden Bürgerprotest, einschließlich Rundem Tisch, ist das Tempo inzwischen gedrosselt.

Trotzdem sträuben sich Senat und Bezirk bisher, einen Bebauungsplan aufzulegen, der bei Alternativideen unumgänglich wäre. Neben einem weiteren Zeitverlust wird das auch mit fehlenden Kapazitäten begründet.

Carsten Joost plädiert dagegen für ein Wettbewerbsverfahren und zwar für jeden einzelnen Standort. Seine Vorstellungen seien dazu ein Beitrag, über den ebenfalls weiter debattiert werden könne.

Vielleicht gelingt es ja, den Senat und die WBM davon zu überzeugen, dass sie sich zumindest an einigen Stellen auf Alternativen einlässt, wenn sie am Ende das ungefähr gleiche Ergebnis mit weniger Stress bekommt.

Die hat Carsten Joost geliefert und erhielt dafür am Ende Lob vom Ausschussvorsitzenden John Dahl (SPD). "Wir wollten, dass ein paar neue Ideen auf den Tisch kommen." Das sei passiert. So viel Wohlwollen bekommt er normalerweise nicht in diesem Gremium. tf
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