Der Wettbewerb als ernste Angelegenheit: Bezirkssiegerin im Vorlesecontest gekürt

Karin Aga war die beste Vorleserin. (Foto: Thomas Frey)
 
Diese vier Teilnehmerinnen schafften es in die Endrunde. Von links: Rosa Musikowski (Georg-Friedrich-Händel-Gymnasium), Klara Perico (Hausburg-Schule), Aida Ali Khan (Fanny-Hensel-Grundschule) und Siegerin Karin Aga (Grundschule am Traveplatz). (Foto: Thomas Frey)

Friedrichshain-Kreuzberg. Karin Aga (11) macht aus ihrem selbstgewählten Buchvortrag eine Performance. Sie lässt die Figuren anschaulich werden, wechselt häufig ihre Stimmlage und klebt nicht nur am Text, sondern nimmt auch Blickkontakt mit dem Publikum auf.

Eine Vorstellung, die ihren Teil dazu beitrug, dass die Vertreterin der Grundschule am Traveplatz am 22. März in der Pablo-Neruda-Bibliothek Bezirkssiegerin beim diesjährigen Vorlesewettbewerb wurde. Sie wird jetzt für Friedrichshain-Kreuzberg bei der Landesausscheidung antreten, die im Mai in der Landesbibliothek stattfindet. Der Sieger dort misst sich am 21. Juni mit den Besten aus allen Bundesländern.

Den Vorlesewettbewerb gibt es seit 1959. Er wird vom Börsenverein des deutschen Buchhandels veranstaltet und wendet sich an Schülerinnen und Schüler der sechsten Jahrgangsstufe. Sie müssen sich zunächst in ihrer Klasse und dann in der Schule durchsetzen. Als nächstes treffen sich diese Champions dann auf der Bezirksebene. 19 Schulen hatten dafür in diesem Jahr Teilnehmer gemeldet, darunter waren nur vier Jungen.

Den meisten Teilnehmern gemeinsam war, dass sie sich sehr intensiv auf den Contest vorbereitet hatten. Davon zeugte die Art der Präsentation, nicht nur bei Karin Aga. Und dass sich viele mit dem Satz "Ich vertrete die Schule..." vorstellten, unterstrich ebenfalls den Eindruck, dass der Wettbewerb ziemlich ernst genommen wird. Dabei liegt sein Sinn erst einmal darin, die Leselust bei Heranwachsenden zu wecken oder zu stärken. Und wer dabei bereits in seiner Schule am besten abgeschnitten hatte, der war schon ein Gewinner.

Interessant ist, welche Bücher diese Altersgruppe oder zumindest ihre herausragenden Lesevertreter aktuell bevorzugt. Dabei fällt auf, dass sich am Geschmack so viel im Verlauf der Jahre gar nicht verändert hat. Abenteuer- oder Schülergeschichten scheinen weiter hoch im Kurs zu stehen. Auch mal Science Fiction. Und sogar aus Jahrzehnte alten Klassikern wie "Die Konferenz der Tiere" von Erich Kästner und Otfried Preußlers "Krabat" wurde vorgetragen. Aber kein Werk war dabei, bei dem explizit die interaktive Lebenswelt von Jugendlichen, Stichwort Facebook und Smartphone, ein Thema war. Lesen per E-Reader sei nicht ihr Ding, sagte Karin Age. Sie bevorzugt die Papierausgabe. Ihr ausgewähltes Buch passte ebenfalls in dieses Raster. Denn bei "Die fabelhafte Miss Braitwhistle" von Sabine Ludwig geht es um eine englische Austauschlehrerin, die den Betrieb an ihrer neuen Schule ziemlich durcheinanderwirbelt.

Die 19 Teilnehmer waren in Gruppen zu je fünf, einmal vier Kandidaten eingeteilt, von denen jeweils der beste in die Finalrunde kam. Dieses Quartett musste dann aus einem fremden Text vortragen, "George" von Alex Gino. Das Buch handelt von einem Jungen, der sich als Mädchen und damit im falschen Körper fühlt. Eine Transgender-Geschichte, die auch lesetechnisch einige Ansprüche stellte. So weit und in jedem Jahr gleich.

Neu, auch aus der Sicht als Jurymitglied, war, dass einige Erwachsene den Wettbewerb als ziemlich ernste Angelegenheit auffassten und manche Entscheidungen hinterfragten. Warum sei ihr Sohn nicht in die Endrunde gekommen, begehrte eine Mutter zu erfahren. Er habe doch gut gelesen und sich nicht auf Schauspielerei kapriziert, wie andere Konkurrenten. Eine Lehrerin forderte eine Art Kreuzberg-Bonus, vor allem für Teilnehmer von sogenannten Brennpunktschulen, wie im Fall ihrer Schülerin. Das müsse berücksichtigt werden, sonst würden immer nur Vertreter aus Friedrichshain gewinnen.

Dabei hatte gerade dieses Mädchen eine solche "Fürsprache" überhaupt nicht nötig. Sie las klasse und holte weitere Pluspunkte wegen eines ebenfalls gekonnten Gesamtauftritts. Dass es trotzdem nicht für die letzten Vier reichte, lag an einer Mitbewerberin in ihrer Vorrundengruppe – der späteren Siegerin. tf
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