Reden über die Traumata: Videoprojekt widmet sich den Kriegskindern

Nächster Termin: 02.12.2017 bis 21.01.2018

Wo? Alte Feuerwache, Marchlewskistraße 6, 10243 Berlin DE
Portraits einiger Teilnehmer. Ihre Aussagen können angehört werden. (Foto: Thomas Frey)
 
Ina Rommel und Stefan Krauss (Foto: Thomas Frey)
Berlin: Alte Feuerwache |

Sie gehören zu den Jahrgängen 1927 bis 1945. Ihre oft bewussten, manchmal unbewussten Erinnerungen sind geprägt durch Bomben, Flucht, Vertreibung, Tod.

Die Rede ist von den sogenannten Kriegskindern, die sehr früh in ihrem Leben Erfahrungen machten, die gerade Menschen ihrer Altersgruppe eigentlich erspart werden sollten. Sie waren dafür weder direkt noch indirekt verantwortlich, wie die Jahrgänge vor ihnen. Noch konnten sie eine meist unbeschwerte Kindheit und Jugend genießen, wie die Generationen nach ihnen. Ihnen ist jetzt ein Videoprojekt der Filmemacherin Ina Rommel gewidmet, das, einschließlich begleitender Ausstellungstafeln, bis 21. Januar im Projektraum der Alten Feuerwache, Marchlewskistraße 6, zu sehen ist.

Für ihre Abschlussarbeit an der Universität der Künste sprachen die 29-Jährige und ihr Co-Regisseur Stefan Krauss mit mehr als 35 Kriegskindern. Rund ein Fünftel von ihnen kamen aus Friedrichshain-Kreuzberg.

Ihre Protagonisten hat Ina Rommel über Aufrufe oder Zusammenarbeit mit verschiedenen Institutionen bekommen. Im Bezirk half ihr zum Beispiel das Seniorenamt. Wer sich zum Gespräch bereit erklärte, wurde zu einem Termin eingeladen. Er fand meist in Einrichtungen wie Jugendzentren statt. Für das Interview wurden die Befragten vor einen schwarzen Hintergrund gesetzt. In gleicher Farbe war der Tisch vor ihnen. Nichts sollte von der Person und dem Gespräch ablenken und ihr Raum zum erzählen lassen.

Die Berichte wechseln zwischen eher Belanglosem und dann wieder Schrecklichem . Und wenn es um ein besonders nahegehendes Erlebnis geht, wird nicht selten vom persönlichen Ich in das unpersönliche "Man" gewechselt. So als wolle jemand darum noch heute eine Schutzschicht legen.

Lange wurde sich diesem Personenkreis und seinen Erinnerungen kaum gewidmet. Zunächst schon deshalb, weil sie häufig selbst wenig davon sprachen. Ohnehin wurde die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in den Jahren danach lieber mit Schweigen überdeckt. Auch als sich das später änderte, standen die Opfer unter der Zivilbevölkerung, sofern nicht im Widerstand, ebenfalls wenig im Fokus. Denn es handelte sich bei ihnen um Mitglieder des "Tätervolks". Und so waren auch die Beschwernisse, ja Traumata, die manche bis heute belasten, die damals Kinder waren, lange kein Thema. Erst in den vergangenen Jahren hat sich das geändert. Das führte gelegentlich zu dem Vorwurf, dass dies das Schicksal verfolgter oder getöteter Gleichaltriger in den Hintergrund rücke.

Ina Rommel ist das schon deshalb nicht vorzuhalten, weil zu ihren Porträtierten auch der Friedrichshainer Kurt Gutmann gehört. Der heute 90-Jährige entkam der Verfolgung und späteren Vernichtung der jüdischen Bevölkerung, weil er kurz vor Kriegsbeginn noch Platz in einem Kindertransport nach Großbritannien fand. Seine Mutter und sein Bruder wurden in Sobibor ermordet. Als britischer Soldat kam Kurt Gutmann 1945 nach Deutschland zurück. Endgültig Gewissheit über das Schicksal seiner Familie erhielt er erst 50 Jahre später. Und nicht erst seither kämpft er um „Gerechtigkeit für die Opfer“. Beim Prozess gegen John Demjanjuk, Mitglied des Lagerpersonals in Sobibor, der zwischen 2009 und 2011 in München stattfand, war Kurt Gutmann der einzige deutsche Nebenkläger.

Er steht in der Ausstellung mit vielen anderen, die durch die Schrecken ihrer frühen Jahre geprägt sind. Und ihre Geschichten verweisen auch auf die aktuelle Situation, in der viele Kinder mit ähnlichen Erlebnissen konfrontiert werden. Auch das war für Ina Rommel und Stefan Krauss ein Anlass für ihr besonderes Zeitzeugenprojekt. Sie wollen es nach dieser ersten Dokumentation weiter führen.

Öffnungszeiten des Projekts sind dienstags bis freitags von 12 bis 19, Sonnabend und Sonntag, 12 bis 20 Uhr. Geschlossen ist zwischen 23. Dezember und 1. Januar. Voraussichtlich Mitte Dezember erscheint auch eine schriftliche Dokumentation. Außerdem gibt es mehrere Begleitveranstaltungen, zum Beispiel am 17. Dezember um 15 Uhr. Thema ist Weihnachten 1945 und heute. Weitere Informationen gibt es online unter www.kulturamt-friedrichshain-kreuzberg.de.
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