Boxhagen in Namibia

Hier geht es zur Farm Boxhagen. Sie befindet sich im Osten Namibias, rund 200 Kilometer von der Hauptstadt Windhoek entfernt. (Foto: Eva Schmidt von Wühlisch)
 
Eine bisher unbekannte Innenansicht des Gutshauses. Der Kachelofen, der auf dem Bild zu sehen ist, wurde vor dem Abriss ausgebaut und kam auf das Landgut der Wühlischs in der Nähe vom Spremberg. Dort ist er seit 1945 verschwunden. (Foto: Dr. Georg von Wühlisch)
Berlin: Knirrpromenade |

Friedrichshain. Der Markt auf dem Boxhagener Platz feiert in diesem Jahr seinen 110. Geburtstag (wir berichteten). Aus diesem Anlass gibt es auch ein Buch zur Geschichte des Marktes. Das Werk, das Anfang Juli erscheinen soll, ist allerdings weitaus mehr geworden.

Verfasst hat es eine Gruppe um den SPD-Abgeordneten Sven Heinemann. Sie hat interessante Details von den Anfängen des Budenbetriebs auf dem Boxi von 1905 bis heute recherchiert. Aber die Nachforschungen beschäftigten sich auch mit der Historie des gesamten ehemaligen Gebiets Boxhagen. Und gerade sie brachten einige neue Erkenntnisse und unbekannte Fundstücke.
Die spannendste Entdeckung: Rund 9000 Kilometer von Friedrichshain entfernt gibt es ebenfalls ein Boxhagen. Nämlich als Name einer Rinderfarm in Namibia im südlichen Afrika. Sie gehört Hanko von Wühlisch und seiner Frau Eva Schmidt von Wühlisch. Hankos Großvater Bruno Immo von Wühlisch (1885-1962) wanderte in den 1920er Jahren in die ehemalige deutsche Kolonie aus.

Dass die Farm so heißt, ist natürlich kein Zufall. Denn die Wühlischs waren ein Zweig jener Erbengemeinschaft, der einst nahezu das gesamte Gebiet zwischen Warschauer Straße und Ostkreuz gehörte. Nach einem ihrer Vertreter ist die Wühlischstraße benannt. Sie waren auch die letzten Pächter des Guts und Vorwerks Boxhagen. Das Haus mit Park befand sich ungefähr an der heutigen Ecke Wühlisch- und Gryphiusstraße. Von dem Gutshof und erst recht von seinem Inneren gab es bisher keine bekannten Fotos. Im Buch werden jetzt erstmals Aufnahmen veröffentlicht. Sie befinden sich im Besitz der Wühlischs in Namibia sowie von Dr. Georg Wühlisch, einem weiteren Verwandten und wurden Sven Heinemann zur Verfügung gestellt.
In einer schlaflosen Nacht sei ihm die Idee gekommen, nach diesen Nachkommen zu suchen, erzählt der Abgeordnete. Via Google stieß er auf die Spur in Afrika. Auf seine Mail gab es Antwort von Eva Schmidt von Wühlisch. Schnell wurde deutlich, dass sie mit der Friedrichshainer Familienchronik gut vertraut ist.
Das Vorwerk wird im Jahr 1543 erstmals urkundlich erwähnt. Zu ihm gehören große Teile der Fläche des heutigen südöstlichen Friedrichshain. 1783 geht es per Erbpacht an die Familie Sonntag. Gutsherr Johann Gottfried Sonntag verpachtet die Grundstücke nach und nach an Gemüsebauern und Gärtner. Blumen aus Boxhagen waren damals berühmt. Davon zeugt bis heute die Gärtnerstraße. Und die Sonntagstraße erinnert an diese Gutsherren.

Außer dem Vorwerk gab es seit 1771 in der Gegend eine Kolonie von böhmischen Glaubensflüchtlingen. Sie befand sich im Gebiet der heutigen Boxhagener- und Holteistraße. Die Zuwanderer richteten dort auch einen Friedhof ein, der Ende vergangenen Jahres noch einmal für Aufmerksamkeit sorgte (wir berichteten). Denn bei den Ausgrabungen für die geplanten Neubauten auf dem ehemaligen Freudenberg-Areal wurden dort menschliche Überreste entdeckt. Auf dem Friedhof befand sich auch das Familiengrab der Sonntags und Wühlischs.
Von Johann Gottfried geht das Vorwerk zunächst auf seinen Sohn Gottfried Gottlieb (1777-1847) über.
Nach dessen Tod wird der Besitz unter seinen fünf Schwestern und deren Familien aufgeteilt. Eine davon, Marie Sophie Dorothea (1784-1873) war mit David Leberecht Wühlisch (1777-1830) verheiratet. Deren Sohn August David Wühlisch (1805-1886) wird neuer Gutsherr.

In seine Zeit fällt auch der Kauf der Grundstücke. Laut eines preußischen Gesetzes zur Abschaffung der feudalen Erbpacht muss die Stadt das Gut und seine Liegenschaften veräußern. Die Sonntag-Nachfolger bezahlen dafür 12 584 Taler, 18 Silbergroschen und sieben Pfennige. Knapp 50 Jahre später als das Gebiet Bauland wird, ist der Besitz Millionen wert.

Alle Erben verkaufen nach und nach ihren Besitz. Auch die Wühlischs, die 1908 in den Adelsstand erhoben wurden. Das Gelände des Gutshofs geht 1911 an die Friedrichsberger Bank, die es parzelliert und an Investoren für Neubauten mit gehobenem Anspruch verkauft. Das Gebäude wird abgerissen, es entsteht die Knorrpromenade als bürgerliche Vorzeigestraße im ansonsten jetzt vorwiegend von Mietskasernen dominierten Quartier.

Einige Flächen waren von Anfang an nicht für eine Bebauung vorgesehen. Zu ihnen gehörte auch das Areal des heutigen Boxhagener Platzes. Er war allerdings zunächst weitaus größer geplant.

Die letzte Gutsherrin war Luise von Wühlisch (1833-1912). Einer ihrer Enkel war der Auswanderer Bruno Immo. Aber auch nach einem Jahrhundert sind in der Familie die Erinnerungen an Boxhagen nicht verblasst. Davon zeugen jetzt die Fundstücke und der Name einer Farm in Namibia.

tf
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