„Die Sturheit und Klugheit eines Esels": Stefan Reineckes Biografie über Hans-Christian Ströbele

Nicht mittendrin, aber fast immer dabei. Hans-Christian Ströbele bei einer Demo. (Foto: Thomas Frey)
 
Hans-Christian Ströbele im Wahlkampf 2013. Hinter ihm ein Ströbele-Plakat des Künstlers Gerhard Seyfried. (Foto: Thomas Frey)

Friedrichshain-Kreuzberg. Mit seinem Fahrrad fehlt er bei kaum einer Demo. Aber nicht nur das hat Hans-Christian Ströbele zu einer Art Markenzeichen im Bezirk gemacht.

Als einziger Vertreter seiner Partei ist der 76-jährige Grünen-Politiker inzwischen vier Mal direkt im Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg/Prenzlauer Berg Ost in den Bundestag gewählt worden. Dabei bedeutet dieser Abschnitt nur der bisher letzte eines auch ansonsten ereignisreichen Lebens.

Das hat jetzt der taz-Journalist Stefan Reinecke nachgezeichnet. Er erzählt die Geschichte vom Bürgerkind zum APO-Weggefährten und RAF-Anwalt zum alternativen Politakteur. Die Grundkoordinaten von Hans-Christian Ströbele hätten sich in den vergangenen fast 50 Jahren kaum verändert, meint Reinecke. Er hält das ebenso für bewundernswert, wie manchmal schwer nachvollziehbar.

Zeitzeuge der Studentenbewegung

Hans-Christian Ströbele, 1939 in Halle an der Saale geboren, wächst bis zum Kriegsende in Schkopau auf. Sein Vater arbeitet im Buna-Werk der IG Farben als hochrangiger Chemiker. 1945 wird die Gegend, wie weite Teile der späteren DDR, von US-Truppen befreit. Bei ihrem Abzug nehmen die Amerikaner Führungskräfte und ihre Familien mit in den Westen. Zu ihnen gehören auch die Ströbeles. Sie landen im westfälischen Marl, wo ein weiterer IG Farben-Ableger existiert.

Die Stadt verlässt er 1960 nach dem Abitur. Nach dem Wehrdienst folgt ein Jurastudium, zunächst in Heidelberg, dann in West-Berlin. Hier wird er Zeitzeuge der Studentenbewegung. Der Tod von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 und das Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke am 11. April 1968 wertet Reinecke als die entscheidenden Erweckungserlebnisse. Aus dem jungen Mann, der zuvor eher das Leben eines Bohemiens geführt habe, sei jetzt der Streiter gegen staatliche Repressionen, das kapitalistische System und die USA als imperialistische Kriegstreiber geworden. Die negativen Seiten der damaligen Protestbewegung würden dagegen weitgehend ausgeblendet, meint sein Biograf. "Right or wrong, my movement".

In den Mühlen der Justiz

Den damaligen Einstieg fand Ströbele als Rechtsreferendar im Büro des Anwalts Horst Mahler. Daraus entwickelt sich ab 1970 das Sozialistische Anwaltskollektiv (SAK) mit ihm als treibender Kraft. Zu der wird er schon deshalb, weil sich Mahler, einer der Gründungsfiguren der terroristischen Rote Armee Fraktion (RAF), in den Untergrund absetzt.

Seinen einstigen Mentor, der auf seinem skurrilen Lebensweg inzwischen im Lager der rechtsextremen NPD gelandet ist, verteidigt Ströbele ebenso vor Gericht, wie er Mandate für zahlreiche RAF-Mitglieder übernimmt. Dabei gerät er selbst in die Mühlen der Justiz und muss 1975 sogar für einige Tage in Untersuchungshaft. Der Grund ist das sogenannte Info, ein Kommunikationssystem zwischen Anwalt und Inhaftierten. Das wird ihm als Unterstützung einer kriminellen Vereinigung zur Last gelegt. Nach mehreren Verfahren kommt es 1980 zu einer Bewährungsstrafe von zehn Monaten.

In dieser Zeit findet Ströbele, nachdem er zunächst die "Tageszeitung" (taz) mitbegründet hat, zur damaligen Alternativen Liste, dem West-Berliner Ableger der Grünen, landet 1985 zum ersten Mal im Bundestag und wird 1990 für ein gutes halbes Jahr einer der drei Sprecher und damit Vorsitzender der Bundesgrünen. Zum Rücktrit kommt es, als er während des ersten Irakkriegs Anfang 1991 die Raketenangriffe des Diktators Saddam Hussein auf Israel als "logische, ja zwingende Konsequenz der Politik Israels gegenüber den arabischen Staaten" bezeichnet.

Nach Basisarbeit in der BVV Tiergarten folgt eine gescheiterte und 1998 die erfolgreiche erneute Kandidatur für den Bundestag, in den er über die Landesliste als Vertreter des damaligen Wahlkreises Kreuzberg/Schöneberg einzieht. Mit einem Esel, ausgeliehen vom Kreuzberger Kinderbauernhof, geht der Bewerber damals auf Stimmenfang. Das Tier habe eine Sturheit und Klugheit, die auch in der Politik nötig sei.

Kreuzberger Volkstribun

Zum Volkstribun wird Ströbele dann vier Jahre später. Er war zuvor mehrfach als Kritiker der rot-grünen Bundesregierung aufgefallen. Die Luftschläge gegen Serbien lehnte er 1999 ebenso ab, wie zwei Jahre später den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan nach den Terroranschlägen in den USA. In seiner Partei schafft das nicht unbedingt Wohlwollen. Vor der Wahl 2002 gibt es keinen sicheren Listenplatz.

Der Kandidat geht in den eigentlich chancenlosen Kampf um das Direktmandat im neuen Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg/Prenzlauer Berg Ost und kommt wider Erwarten als Sieger ins Ziel. Seither wurde er noch weitere drei Mal, teilweise mit Erststimmenergebnissen um die 50 Prozent, in den Bundestag geschickt.

Ströbeles Maxime laute: Mit den Regeln gegen die Regeln angehen, konstatiert Stefan Reinecke. Sein Einsatz gelte den wirklich oder vermeintlich Schwachen und Ausgegrenzten, ob Demonstranten oder Hausbesetzer, der RAF oder den Autonomen bis zum US-Whistleblower Edward Snowdon, den er 2013 in Moskau trifft.

Neben aller weltverändernden Attitüde gibt es aber auch einen bürgerlichen und sogar asketischen Subtext. Hans-Christian Ströbele ist seit fast 50 Jahren mit derselben Frau verheiratet und Besitzer einer Eigentumswohnung. Er streitet zwar für die Legalisierung weicher Drogen ("Gebt das Hanf frei"), raucht aber weder Gras noch Tabak, meidet Alkohol und sogar Kaffee. Er bietet eine Projektionsfläche für viele Wünsche und Hoffnungen und bleibt gleichzeitig ein Solitär.

Buch nicht autorisiert

Die anschauliche Lebensbeschreibung fand nicht durchgehend den Beifall ihres "Helden". Er habe das Buch nicht autorisiert, stellt Ströbele klar. Über vieles, was er als Zeitzeuge, Anwalt und Abgeordneter erlebt habe, gebe es noch mehr zu erzählen. Wenn er die Zeit finde werde er das alles einmal selbst aufschreiben. tf

"Ströbele. Die Biografie" von Stefan Reinecke ist im Berlin Verlag erschienen und kostet 24 Euro.
0
Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.