Passt Lemmy zu Händel und Paul Lincke?

Tamara Danz ist die einzige Musikerin aus der unmittelbaren Gegenwart, nach der im Bezirk eine Straße benannt ist. Die 1996 verstorbene Silly-Sängerin studierte einst an der Musikschule Friedrichshain. (Foto: Frank Wiese)
 
Rockrebellen, die inzwischen etwas älter geworden sind. Die Ton Steine Scherben Mitglieder R.P.S. Lanrue (Gitarre), Kai Sichtermann (Bass) und Funky Götzner (Sclagzeug, von links) bei der Eröffnung der Rio Reiser-Gedenktafel am Tempelhofer Ufer. (Foto: Thomas Frey)

Friedrichshain-Kreuzberg. Straßen in Berlin sollen nach jüngst verstorbenen Rock- und Pop-Größen benannt werden. Diese Forderung hat derzeit Konjunktur.

In Schöneberg wird dafür getrommelt, aus der Hauptstraße die David-Bowie-Straße zu machen und in Friedrichshain wirbt eine Initiative für ein Gedenken an den Motörhead-Sänger Lemmy Kilmister. Nach ihm soll künftig die Sonntagstraße heißen.

Jenseits der Frage, wie erfolgversprechend dieser Vorstoß ist, lohnt es sich einmal nachzuschauen, wie viele Musiker oder Komponisten eigentlich bisher im öffentlichen Raum im Bezirk gewürdigt wurden. Das Resultat: Ihre Anzahl ist eher überschaubar.

Rund ein Dutzend Straßen oder Plätze sind in Friedrichshain-Kreuzberg nach ihnen benannt. Politiker, Schriftsteller, Wissenschaftler, auch Militärs sind stärker vertreten.

Die längste Verbindung, die an einen Vertreter der Klangkunst erinnert, ist das Paul-Lincke-Ufer, entlang des Landwehrkanals. Es bekam 1966 seinen heutigen Namen, davor lautete die Bezeichnung zehn Jahre lang Lincke-Ufer. Erinnert wird an den Schöpfer bekannter Operetten und Gassenhauer (1866-1946) wie der "Berliner Luft". An der Oranienstraße 64, wo sich einst Linckes Wohnhaus sowie sein Apollo-Musikverlag befand, steht außerdem eine Gedenktafel.

Andere Musikerstraßen sind nicht nur kürzer, sondern ihre Namensgeber auch häufig wenig bekannt. Oder wer weiß mit Albert Gottlieb Methfessel etwas anzufangen, einem Komponisten und Dichter, der von 1785 bis 1869 lebte und nach dem 1935 die Methfesselstraße benannt wurde? Auch Albert Niemann (1831-1917) ist wahrscheinlich nur Experten ein Begriff. Der Operntenor galt als einer der bekanntesten Wagner-Interpreten seiner Zeit. Bereits fünf Jahre vor seinem Tod wurde er mit der neu angelegten Niemannstraße zwischen Revaler- und Simplonstrße geehrt. Heute wäre das nicht mehr möglich, denn zwischen Ableben und einer solchen Würdigung müssen mindestens fünf Jahre vergangen sein.

Mit nur wenigen Metern öffentlichem Straßenland wurden aber selbst noch heute gängige Namen bedacht. Etwa E.T.A. Hoffmann (1776-1822), der nicht nur als Tonsetzer, sondern auch als Schriftsteller wirkte. Er bekam eine kleine Promenade zwischen Friedrich- und Lindenstraße. Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847), Wunderkind und einer der größten Komponisten seiner Zeit, ist immerhin als Namensgeber eines Parks samt U-Bahnstation verewigt. Nach seiner kaum weniger begabten Schwester Fanny Hensel (1805-1847) heißt außer einem Mini-Weg auch die Grundschule in der Schöneberger Straße.

Ebenfalls Schulpate ist der neben Bach bekannteste Barockkomponist Georg-Friedrich Händel (1685-1759). Nämlich für das, natürlich musisch-betonte, Händel-Gymnasium an der Frankfurter Allee.

So gut wie gar nicht vertreten sind inzwischen verstorbene eher zeitgenössische Musiker. Das gilt nicht nur für den Rock- und Pop-Bereich, sondern auch für Jazz oder Chanson. Eigentlich steht dafür bisher nur die einstige Silly-Sängerin Tamara Danz (1952-1996), nach der seit 2006 eine Straße auf dem Anschutz-Areal heißt. Einigermaßen großzügig lässt sich hier noch Valeska Gert (1892-1978) einordnen, die außer Sängerin auch Schauspielerin, Tänzerin und Kabarettistin war.

Ein Antrag der Grünen forderte 2014, die Musikschule künftig ebenfalls nach Tamara Danz zu benennen. Die Musikschule scheint dagegen als Namensgeber eher Kurt Weill (1900-1950) zu favorisieren, dem Komponisten unter anderem der Dreigroschenoper.

Eine Gedenktafel gibt es seit 2013 für Rio Reiser, dem 1996 verstorbenen Frontmann von Ton Steine Scherben. Sie befindet sich am ehemaligen Wohnhaus der Band am Tempelhofer Ufer 32.

Auch Lemmy Kilmister sollte auf diese Weise im Bezirk gewürdigt werden. Doch die Chancen, dass für den Motörhead-Sänger ein anderer Straßenname weichen muss, sind eher gering. Dagegen steht bereits der BVV-Beschluss, der nur Frauen auf diese Weise gewürdigt sehen will. Einige andere Bezirke zeigten sich in der Vergangenheit nicht nur bei der Geschlechterfrage etwas offener, sondern auch was die Erinnerung an aktuelle Musikidole betrifft. In Marzahn heißt eine Straße nach Frank Zappa, in Mitte ein Gymnasium nach John Lennon. tf
0
Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.