"Beschissene Situation": Wildpinkler, öffentliche Toiletten und ihr Preis

Gibt es im Bezirk bald mehr öffentliche Toiletten und wenn ja, in welcher Form? Nicht unbedingt favorisiert, weil zu teuer, wird dabei diese Variante im Görlitzer Park. (Foto: Thomas Frey)

Friedrichshain-Kreuzberg. Eigentlich war der Haushaltsausschuss mit diesem Antrag eher am Rande befasst. Allerdings bei einer ganz wichtigen Frage, dem Geld.

Und nicht nur deshalb wurde aus der Forderung der Linken nach einem möglichst schnellen Installieren weiterer Toiletten im öffentlichen Raum eine Debatte, bei der ziemlich Druck abgelassen wurde.

Ausgangspunkt für den Vorstoß waren Beschreibungen der Szenerie in vielen touristischen Hotspots, zum Beispiel rund um das Ostkreuz. Massenhaft werde dort wild gepinkelt berichtete Oliver Nöll, Fraktionsvorsitzender der Linkspartei und Anwohner. Und weit und breit gebe es keine öffentliche Bedürfnisanstalt. Ähnliches ließe sich genauso gut von anderen Gebieten, etwa in der Umgebung der Admiralbrücke sagen. Das Bezirksamt hat, wie es der Antrag verlangt, bereits erste Prüfungen einer möglichen WC-Aufrüstung eingeleitet. Die Haushälter interessierte dabei vor allem die finanzielle Dimension.

Da gebe es Modelle wie die sogenannte Containertoilette, die sich seit vergangenem Jahr im Görlitzer Park befindet, berichtete Finanzstadträtin Clara Herrmann (Bündnis 90/Grüne). Ihr Preis: 170 000 Euro. Günstiger käme mit 57 000 Euro eine mobile Ökotoilette, die auch keine Anschlüsse benötigt. Allerdings kämen auch für diese noch regelmäßige Betriebskosten hinzu.

Herrmanns erstes Fazit: Sie sehe erst einmal nicht, wie der Bezirk solche Investitionen stemmen könnte. Was wiederum Oliver Nöll kurzzeitig in Rage brachte. Bleibe es dabei, werde er eine Bodenuntersuchung am Ostkreuz beantragen. Die hätte, so vermutete er, noch teurere Konsequenzen.

Nicht zuletzt wies die Stadträtin darauf hin, dass mit dem Toiletten-Thema weitere Fragen verknüpft sind. Etwa die nach einem stadtverträglichen Tourismus. Und, um konkret bei der Abort-Analyse zu bleiben, es müsse außerdem geklärt werden, wie Die Situation in Zusammenhang mit der Ausschreibung für die öffentlichen WCs in Berlin zu sehen ist, die der Senat derzeit vorbereitet. Denn es sei wenig sinnvoll, an manchen Standorten jetzt WCs einzurichten, die dafür ohnehin vorgesehen seien.

Wie bereits berichtet, hat das Land Berlin den Toilettenvertrag mit der Firma Wall zu Ende 2018 gekündigt. Wall durfte nach diesem Kontrakt bisher im Gegenzug zum Aufstellen und Warten seiner City-Toiletten Werbeflächen vermarkten. Da es in Friedrichshain-Kreuzberg zum einen nicht besonders viele solcher öffentlicher Reklametafeln gibt und die Bezirkspolitik, vornehmlich die Grünen, solchen Koppelgeschäften zum anderen nicht besonders wohlwollend gegenüber stehen, gab es schon bisher eine eher unterdurchschnittliche WC-Dichte.

Vielleicht sollte der Bezirk seine defensive Haltung gegenüber Werbung etwas lockern, fand der SPD-Fraktionsvorsitzende Sebastian Forck. Wenn im Haushalt kein Geld zu Verfügung stehe, es gleichzeitig aber eine, im wahrsten Sinne des Wortes "beschissene Situation" gebe, müsste auch das zumindest in Erwägung gezogen werden. Was der Ausschussvorsitzende und Grüne-Bezirksverordnete Andreas Weeger etwas anders sah. Selbst die vorhandenen Angebote würden nur wenig genutzt. Die Toilette an der Warschauer Straße, also in einem wirklich stark frequentierten Bereich, verzeichne gerade einmal 17 Nutzer pro Tag. Das alles habe leider auch mit einer Veränderung des Verhaltens zu tun.

So bewegte sich die Debatte durch manche Niederungen menschlicher Existenz. Und obwohl Oliver Nöll darauf bestand, dass es bei dem Thema um eine ernste Frage gehe, fehlte auch der eine oder andere Kalauer nicht. Am Ende wurde der Antrag einstimmig angenommen. Weitere Details sollen noch verhandelt werden, und zwar im Ausschuss für Umwelt, Verkehr, Klimaschutz und Immobilien, der federführend zuständig ist. tf
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