Es fehlt an allen Ecken: Studie stellt erheblichen Mehrbedarf bei sozialer Infrastruktur fest

Die Raumnot an den Schulen ist schon länger bekannt. Sie wird sich in den kommenden Jahren noch weiter verschärfen. (Foto: Thomas Frey)
 
Um- und Neubauten sollen für zusätzliche Schulplätze sorgen. So ist zum Beispiel geplant, das bisherige Gebäude des Heinrich-Hertz-Gymnasiums an der Rigaer Straße zu einem Grundschulstandort zu machen. Das Hertz-Gymnasium soll ein neues Haus am Ostbahnhof bekommen. (Foto: Thomas Frey)

Bei den Schulen wird es schon jetzt am deutlichsten: Es fehlen im Bezirk ausreichend Plätze. Aber das gilt, wenn nicht bereits aktuell, sehr bald auch für andere Einrichtungen der öffentlichen Daseinsvorsorge in Friedrichshain-Kreuzberg.

Zu diesem Ergebnis kommt das Soziale Infrastrukturkonzept (SIKo) des Bezirksamts, das derzeit in mehreren Ausschüssen beraten wird. Es listet zunächst den Ist-Zustand in vielen Bereichen der Daseinsvorsorge auf. Stichtag war der 31. Dezember 2015. Außerdem wird der Bedarf für die Zukunft prognostiziert. Dabei reicht der Blick bis ins Jahr 2030. Besonders im Fokus stehen die kommenden Jahre, vor allem der Zeitraum bis etwa 2021. Er würde in Friedrichshain-Kreuzberg noch einmal einen vorausberechneten Bevölkerungszuwachs von etwa 17 000 Menschen bringen, erklärte Frederik Sommer, der Koordinator der Studie. So viele, wie bereits zwischen 2010 und 2015.

Die Messlatte, wie es um die soziale Infrastruktur im Bezirk bestellt ist, bieten neben eigenen Erfahrungen und offensichtlichen Defiziten vor allem Vorgaben des Landes Berlin. Nimmt man die ernst, lautet das Resultat: Sie werden bereits in der Gegenwart in vielen Bereich nicht eingehalten. Und um in den kommenden Jahren wenigstens annähernd an die Zielmarken zu kommen, wäre ein riesiger, nicht nur finanzieller Kraftakt nötig.

400.000 Medien und 235.000 Quadratmeter zu wenig

Das beginnt bei den Bibliotheken, in denen bis 2020 eine Unterversorgung von rund 400.000 Medieneinheiten festgestellt wurde. Um sie aufzulösen, müsste der heutige Bestand verdoppelt werden. In der gleichen Größenordnung bewegt sich die Differenz bei den Sporthallen. Und bei den Sportplätzen ist selbst bei bestem Willen ein auch nur teilweises Herankommen an das eigentlich vorgegebene Niveau nicht zu erreichen. Denn wo sollen die 235.000 Quadratmeter herkommen, die dort fehlen?

Auch bei den Kinderspielplätzen wird ein Mangel in rund sechsstelliger Quadratmeter-Höhe ausgemacht. Im Bereich Kita sind weitere 1467 Plätze geplant. Bleibt es bei den bisherigen Prognosen, wären das aber noch immer 700 zu wenig.

Das Soziale Infrastrukturkonzept soll dazu beitragen, Defizite möglichst früh zu erkennen und rechtzeitig gegenzusteuern. Oft liegt das aber nicht allein in der Hand des Bezirks.

Deutlich wird das gerade beim Beispiel Kitaplätze. Ob deren Mehrbedarf gedeckt werden kann, hänge von vielen Faktoren ab, meinte Frederik Sommer. Etwa von der Frage, wie viele vor allem kleine Einrichtungen durch Umwandeln ihrer Räume in Wohnungen noch verdrängt werden.

Sozialarbeiter fehlen

Bei den Jugendfreizeitstätten, wo es bis 2020 ein Plus von 220 Plätzen geben müsste, ist nicht allein das Fehlen von Gebäuden das Problem. Bereits jetzt wäre es in einigen Fällen so, dass wegen zu wenig Sozialarbeiter und Betreuer das Angebot eingeschränkt werden musste, erklärte der Konzeptkoordinator. Und nicht zuletzt erschweren kaum noch vorhandene Grundstücke im dicht besiedelten Innenstadtbezirk ein Ausweiten der sozialen Infrastruktur. Als dafür benötigte Größenordnung ermittelte die Studie bis zum Jahr 2021 einen Gesamtumfang von 2,5 Quadratkilometern. Das wären rund zehn Prozent der Fläche des Bezirks. Sie können höchstens durch intelligentes Bauen und Nutzen neuer oder umgebauter Immobilien einigermaßen erreicht werden, hieß es bei der Vorstellung der Analyse im Sozialausschuss. Und dabei gehe es nicht nur darum, dass Sporthallen neuer Schulen dann auch von Vereinen genutzt werden können.

Auch die Kosten für den weiteren Bedarf wurden in der Erhebung berechnet. Sie würden sich auf mindestens 342 Millionen Euro summieren. Dabei wurden vor allem die drei wichtigsten Brennpunkte aufgeführt: die Kitas, für die 29 Millionen benötigt werden, Spielplätze mit 131 Millionen und die Schulen, die den größten Anteil ausmachen, nämlich 182 Millionen.

Entspannung ab 2020er-Jahre

Welches Riesenproblem im Bereich der Bildungseinrichtungen nicht nur aktuell, sondern in den kommenden Jahren auf den Bezirk zukommen wird, machte Frederick Sommer mit einigen Zahlen deutlich. Bei den Grundschulen werde sich das Minus bis 2021 auf 23,5 Züge, also Klassenstufen, erhöhen. Geplant sei bisher ein Ausweiten um 7,5 Züge. Blieben noch 16 Züge ungedeckt, was vier bis fünf weitere neue Grundschulen bedeuten würde. Für die Gymnasien wird für den selben Zeitraum ein Mehrbedarf von 9,5 Zügen berechnet. Und selbst die Sekundarschulen, bisher an vielen Stellen noch mit freien Kapazitäten, wären bis dahin mit zwei Zügen im Defizit.

Die Angaben hatten nur einen Haken. Sie waren zu optimistisch. Neueste Prognosen gehen von einer noch höheren Zahl von fehlenden Schulplätzen aus. Ab Mitte der 2020er-Jahre soll sich die Situation wieder etwas entspannen, sagt die Studie ebenfalls.
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