Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 in Friedrichshain

Demonstrierende Arbeiter in der Stalinallee. Zu sehen ist das Foto in der Ausstellung zur Geschichte der Allee im Café Sibylle, Karl-Marx-Allee 72. (Foto: Frey)

Friedrichshain. Am 17. Juni wird dem 60. Jahrestag des Volksaufstandes in der DDR gedacht. Er begann mit Streiks gegen die Erhöhung der Arbeitsnormen und mündete in einem landesweiten Protest, der freie Wahlen und den Sturz des SED-Regimes forderte.

Ausgangspunkt für den Aufstand war damals Friedrichshain. Hier legten die Bauarbeiter als erste die Arbeit nieder. Nicht in der damaligen Stalinallee, der heutigen Karl-Marx-Allee, wie noch immer teilweise zu lesen ist. Sondern bereits am 15. Juni auf der Baustelle des Krankenhauses an der Landsberger Allee, damals Leninallee.Die Vorgeschichte beginnt sogar schon zwei Tage früher. Am 13. Juni, einem Sonnabend, machen mehrere hundert Arbeiter eine Dampferfahrt. Sie führt von der Jannowitzbrücke zum Ausflugslokal "Rübezahl" am Müggelsee. Bereits auf dem Schiff wird heftig über die im Mai von der DDR-Regierung beschlossene zehnprozentige Erhöhung der Arbeitsnorm diskutiert. Weil diese Vorgaben kaum zu erfüllen sind, bedeuten sie eine Lohnkürzung.

Im Rübezahl gehen die Debatten weiter. Ein Bauleiter der Baustelle Krankenhaus Friedrichshain steigt auf den Tisch und fordert Gegenmaßnahmen. Am Montag darauf befinden sich er und seine Kollegen im Streik.

An dieser Stelle kommt Max Fettling ins Spiel, einer der tragischen Helden der Juniereignisse. Fettling, damals 46, war am Krankenhaus Vorsitzender der Betriebsgewerkschaftsleitung. Als er mitbekommt, dass sich seine Leute im Ausstand befinden, formuliert er eine Resolution mit ihren Forderungen, die dem DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl übergeben werden soll. Vorher zeigt er den Text einem SED-Funktionär, der ihn weitgehend neu verfasst und einige Spitzen glättet. Fettling unterschreibt die Resolution und gibt sie persönlich im Haus der Ministerien, dem heutigen Sitz des Bundesfinanzminsteriums, an der Leipziger Straße ab. Damit, so dachte er, hatte er seine Aufgabe erledigt und erwartete jetzt eine Antwort des Ministerpräsidenten.

Als die SED-Führung allerdings auch am Morgen des 16. Juni die Normerhöhung nicht zurückgenommen hatte, formierten sich am Krankenhaus Friedrichshain ein Protestmarsch in Richtung Leipziger Straße. Dort hatten sich mittlerweile auch Kollegen von den Baustellen an der Stalinallee eingefunden. Andere schließen sich an, als der Zug über den damaligen Leninplatz, heute Platz der Vereinten Nationen, und die Friedenstraße die Allee passiert. Zu ihnen gehören auch die Arbeiter vom sogenannten Block 40 am Weidenweg, gegenüber des Rosengartens. Die Demonstration gilt als Auslöser für die landesweite Erhebung. Der Aufstand war auch nicht mehr zu stoppen, als die Regierung im Verlauf des 16. Juni die Normerhöhung zurück nahm. Denn mittlerweile gingen die Forderungen bereits weiter. Verlangt wurden jetzt der Rücktritt der Regierung und freie Wahlen.

Während das Volk auf die Straße ging, hatte sich die SED-Führung in das Hauptquartier der sowjetischen Streitkräfte nach Karlshorst geflüchtet. Von dort kam dann auch die verlangte "Bruderhilfe". Panzer der roten Armee beendeten die Erhebung am 17. Juni 1953. Zwischen 50 und 150 Menschen kamen dabei ums Leben. Tausende wurden inhaftiert, 20 erschossen.

Zu den Verhafteten gehörte auch Max Fettling. Ihm wurde vorgeworfen, die Arbeiter aufgewiegelt zu haben. Dabei hatte der Gewerkschafter sogar eher mäßigend auf seine Kollegen eingewirkt. Max Fettling, der lange nicht realisierte, was mit ihm passiert, wurde 1954 zunächst zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt und 1957 aus der Haft entlassen. Mit seiner Frau floh er später nach West-Berlin. Seit dem 17. Juni 2003 heißt der Platz vor dem Krankenhaus Friedrichshain nach ihm. Seit 2010 gibt es in der Klinik eine Gedenktafel, die an die damaligen Ereignisse erinnert.


Thomas Frey / tf
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