Deutschlands älteste Schriftstellerin wurde 103 Jahre alt

Neue Bücher will Elfriede Brüning keine mehr schreiben. Aber Lesungen hält die 103-Jährige noch immer ab. (Foto: Frey)

Friedrichshain. Eigentlich wollte sie an ihrem Geburtstag nicht mehr lesen. Aber dann griff Elfriede Brüning doch zu dem Buch. Es heißt Gedankensplitter und war 2006 das letzte Werk, das sie veröffentlicht hat.

Damals war sie 96. Am 8. November wurde Elfriede Brüning 103 Jahre alt. Sie ist damit Deutschlands älteste noch lebende Schriftstellerin. Gefeiert wurde im Seniorenwohnheim der Volkssolidarität in der Koppenstraße, schon seit vielen Jahren ihr Zuhause.Noch immer hinkt Elfriede Brüning in Aussehen und Aktivität ihrem wirklichen Alter hinterher. Wer sie nicht kennt, würde sie wahrscheinlich für eine rüstige Mitachzigerin halten. Und weiter umgibt sie eine Aura, die sie auch jenseits eines Geburtstags zum natürlichen Mittelpunkt werden lässt.

Das zeigt sich erst recht beim Lesen. Klar und facettenreich trägt sie ihre Texte vor. Hier ist natürlich jahrzehntelange Routine im Spiel. Aber auch der Einklang mit ihrem Werk. Elfriede Brüning macht klar: Was sie zu sagen hat, findet sich dort. Zum Beispiel in den Gedankensplittern. Sie enthalten Aufsätze, die sich mit Personen und Begebenheiten aus ihrem Leben beschäftigen.

Bei ihrem Vortrag geht es vor allem um den Schriftstellerkollegen Erwin Strittmatter. Aber auch andere Autoren tauchen auf. Etwa Johannes R. Becher, der erste DDR-Kulturminister, Anna Seghers, Erich Loest. Der vor kurzem verstorbene Loest eckte schon in den 1950er Jahren bei der SED-Staatsmacht an und verbrachte sieben Jahre im Zuchthaus Bautzen. Dass die Schriftsteller gegen dieses Urteil nicht protestiert haben, kreidet Elfriede Brüning sich und anderen Akteuren des DDR-Literaturbetriebs heute ebenso an, wie ihr Schweigen im Fall des Chemikers und Regimegegners Robert Havemann. "Da habe ich mich schuldig gefühlt." Reminiszenzen einer Zeitzeugin und Betroffenen der Katastrophen des 20. Jahrhunderts.

1910 in Berlin geboren, schreibt Elfriede Brüning bereits mit 16 Jahren erste Zeitungsartikel. Anfang 1933 hat sie ihren ersten Roman fertiggestellt. Wegen der "Machtergreifung" der Nazis konnte er nicht mehr erscheinen. Elfriede Brüning, seit 1930 Mitglied der KPD, war Teil des kommunistischen Widerstandes, wurde Ende 1935 verhaftet und zwei Jahre im Frauengefängnis in der Barnimstraße eingesperrt. Dort verfasste sie den Liebesroman "Junges Herz muss wandern", den sie, neben zwei weiteren Büchern bis 1945 veröffentlichen durfte.

Nach Kriegsende arbeitet sie kurz als Journalistin, dann als freie Schriftstellerin. Mehr als 30 Romane, dazu Erzählungen, Filmskripte, Porträts umfasst ihr Werk. In der DDR galt sie als eine der populärsten Autoren mit einer Gesamtauflage von rund 1,5 Millionen. Der Erfolg beim Lesepublikum stand häufig im Gegensatz zu ihrer Einschätzung bei den Kulturfunktionären. Obwohl Elfriede Brüning eigentlich als überzeugte Genossin galt, stießen manche Themen ihrer Bücher auf Argwohn. Etwa wenn sie sich immer wieder mit der Lebens- und Arbeitswelt von Frauen beschäftigte. Und wie sie mit manchen Auswüchsen des real existierenden Sozialismus haderte, zeigte sie in den Gedankensplittern.

Dort findet sich auch eine schöne Passage zum Schriftstellerberuf. Ja, diese Tätigkeit sei oft zermürbend. Jahrelang an den Schreibtisch gefesselt, soziale Kontakte vernachlässigend, sich die richtigen Zeilen abzuringen. Aber dann, wenn die Arbeit geschafft, im Text mache Sequenzen besonders gut gelungen sind, das Manuskript als Gesamtkunstwerk vor einem liegt, das sei "ein Glücksgefühl, das für alles entschädigt." Das ist es wahrscheinlich auch, was Elfriede Brüning bis heute durch ihr Leben trägt.

Am Donnerstag, 28. November, liest Elfriede Brüning in der Seniorenbegegnungsstätte Schreinerstraße 53 aus ihren Büchern und erzählt aus ihrem Leben. Beginn ist um 14 Uhr.

Thomas Frey / tf
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