Friedrichshainer SPD wurde von der Stasi ausgespäht

Sven Heinemann hat als erster die Stasiberichte zur SPD Friedrichshain eingesehen. (Foto: Frey)

Friedrichshain. Am 23. Mai feiert die SPD ihren 150 Geburtstag. Aus diesem Anlass recherchieren Friedrichshainer Genossen derzeit die Lokalgeschichte ihrer Partei. Sven Heinemann, Mitglied des Abgeordnetenhauses, hat sich die Epoche zwischen 1945 und 1989 vorgenommen.

Bei seinen Recherchen stieß er auf eine wahre Fundgrube zu einem ganz besonderen Kapitel der Parteihistorie, dem Überlebenskampf der Friedrichshainer SPD in der DDR. Dass es dazu so viel Material gibt, liegt an der ausufernden Schnüffeltätigkeit des Ministeriums für Staatssicherheit. "12 000 Seiten habe ich inzwischen von der Stasi-Unterlagenbehörde bekommen", sagt Heinemann. "Sie sind aber nur ein Bruchteil dessen, was dort noch vorhanden ist." Der Abgeordnete war der erste, der diese Dokumente einsah. Er fand auch Hinweise auf IM’s, die bisher noch nicht enttarnt wurden.

Dass die SPD in Friedrichshain bis zum Mauerbau 1961 weiter bestand, hing mit dem Viermächte-Status der Stadt zusammen. Die Siegermächte des zweiten Weltkriegs erlaubten Aktivitäten von zugelassenen Parteien in allen Sektoren. Auf diesen Passus beriefen sich die Sozialdemokraten in Ost-Berlin, die 1946 die Zwangsvereinigung zur SED nicht mitmachten. Ihre Arbeit war ständigen Repressionen ausgesetzt.

In Friedrichshain hatte die SPD damals knapp 800 Mitglieder. Rund 60 standen nach bisherigen Erkenntnissen im Sold der Staatssicherheit. Unter ihnen Vorsitzende von Abteilungen oder Arbeitsgemeinschaften. Zu nahezu jeder Sitzung oder Versammlung gibt es Berichte. Das galt erst recht für größere Veranstaltungen, etwa die jährliche Dampferfahrt der Friedrichshainer Genossen. "So gesehen sorgte die Stasi für ein umfassendes Parteiarchiv", meint Sven Heinemann ironisch.

Wichtigstes Friedrichshainer Zielobjekt war der seit 1950 amtierende Kreisvorsitzende Kurt Neubauer (1922-2012). Seine politische Biografie steht gleichzeitig für eine besondere Fußnote im geteilten Deutschland. Denn Neubauer wurde 1952 als Vertreter des (West)Berliner Abgeordnetenhaus in den Deutschen Bundestag entsandt. Auch nach seinem Einzug in das Bonner Parlament lehnte er es ab, seinen Friedrichshainer Wohnsitz aufzugeben. Erst nach dem 13. August 1961 zog er in den Westteil der Stadt.

Zu Neubauer, der später unter anderem West-Berliner Innensenator wurde, hatte die Stasi unter dem Decknamen "Verräter" sogar einen eigenen Vorgang angelegt. Eine der wichtigsten Quellen war dabei nicht nur in seinem Fall ein Mann, dem er in den 50er Jahren zum Posten des Friedrichshainer Juso-Vorsitzenden verholfen hatte. Dieser 2011 verstorbene Spitzel war nach den Aufzeichnungen noch bis nach dem Mauerfall 1989 aktiv. "Kurt Neubauer war sich bestimmt immer bewusst, dass er im Visier der Staatssicherheit stand", resümiert Sven Heinemann. "Aber das Ausmaß hat er sich wahrscheinlich nicht vorstellen können."

Der Mauerbau bedeutete das vorläufige Ende der Friedrichshainer SPD. Treffen der Genossen gab es danach nur noch in privatem Rahmen, wobei auch hier häufig ein Gehaltsempfänger von "Horch und Guck" mit am Tisch saß. Die Mitgliederlisten wurden bis zur Wende im Kreisverband Wilmersdorf weiter geführt. Zu Weihnachten kamen von dort häufig Pakete. Auch für die Spitzel.

Das Kreisbüro in der Krossener Straße wurde 1961 geschlossen und das Inventar konfisziert. Beim Ausräumen führten die DDR-Bürokraten penibel Buch über den vorhandenen Bestand, von der Schreibmaschine bis zur Tischlampe. Die Liste fand sich ebenfalls in den Akten. Sie vermerkt auch die Beschlagnahme einer alten Traditionsfahne aus den Anfangsjahren der Sozialdemokratie. Was aus ihr geworden ist, ist eine weitere Frage, die Sven Heinemann jetzt interessiert.


Thomas Frey / tf
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