Ralf Eggebrecht: Meine Woche in Friedrichshain

Ralf Eggebrecht ist ehrenamtlicher Sterbebegleiter. (Foto: Frey)

Friedrichshain. In unregelmäßiger Reihenfolge lassen wir Menschen aus Friedrichshain über ihr Leben und ihre Arbeit erzählen. Heute berichtet Ralf Eggebrecht (63), ehrenamtlicher Sterbebegleiter, wie seine Woche verläuft.

Am 7. März beginnt im Seniorenwohnheim "Am Kreuzberg" des Unionhilfswerks in der Fidicinstraße ein weiterer Kurs für Menschen, die als Sterbebegleiter arbeiten wollen. Im vergangenen Jahr habe ich diesen Vorbereitungskurs besucht. Monatlich gibt es Fortbildungen, an denen ich weiter teilnehme.

Ich war früher bei der BVG beschäftigt und wohne seit 35 Jahren in Friedrichshain. In meinem Ruhestand wollte ich mich irgendwo ehrenamtlich engagieren. Der Grund, warum ich Sterbebegleiter geworden bin, war ein schweren Schicksalsschlag in unserer Familie. Vor zwei Jahren ist mein Schwager an Krebs gestorben. Lange kam ich damit nicht zurecht. Es stellen sich viele Fragen. Etwa die, welche Hilfe man jemand vor seinem Tod noch geben kann. Antworten, nicht nur darauf, habe ich in den Kursen gefunden.

Konkret sieht meine Arbeit so aus, dass ich mich zwei Mal in der Woche, jeweils zwei, drei Stunden um Menschen kümmere, die in ihre letzte Lebensphase eingetreten sind.

Als erstes habe ich 2013 eine 91-jährige Frau mit mittlerer Demenz betreut. Wir haben viel gesprochen, ich habe mich für ihre Biographie interessiert und mit Hilfe alter Fotos hat sie darüber erzählt. Wer an Demenz leidet, erinnert sich vor allem an die Vergangenheit. Sie sollte zum Nachdenken angeregt werden und sich mit etwas beschäftigen. Vor allem ging es aber darum, ihr das Gefühl zu vermitteln, dass man ganz für sie da ist. Kleine Aufmerksamkeiten können das unterstützen. Ein Blumenstrauß oder ein Essen, das sie gerne mag. Ihre letzte Etappe wollen wir diesen Menschen so schön wie möglich machen.

In den ersten Wochen ging es der Frau noch einmal ganz gut. Sogar regelmäßige Spaziergänge konnten wir unternehmen. Ehe sie dann rapide abbaute und im Herbst gestorben ist. In den Stunden vor ihrem Tod habe ich bei ihr Sitzwache gehalten.

Durch einen so engen Kontakt lernt man auch die Lebensumstände und Familienverhältnisse kennen. Hier war es so, dass die Kinder jede Verbindung abgebrochen haben und daran bis zuletzt nichts ändern wollten. Anders als bei der 83-Jährigen Frau, die ich danach betreut habe. Als es bei ihr auf das Ende zuging, war die Familie versammelt.

Ich denke, dass unsere Arbeit in den kommenden Jahren noch wichtiger wird. Die Menschen werden älter. Der Tod wird gerne verdrängt. Aber ob wir wollen oder nicht, wir alle müssen uns irgendwann mit diesem Thema beschäftigen.


Thomas Frey / tf
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