Wie Mieter in der Thaerstraße um ihren Verbleib kämpfen

Erst sanieren, dann verdrängen. So soll es auch bei ihnen laufen, befürchten Mieter in der Thaerstraße. (Foto: Frey)

Friedrichshain. Steigende Mieten - Kauf vieler Häuser durch Immobilieninvestoren - Modernisierung - Verdrängung der bisherigen Bewohner. Das sind Schlagworte aus der Debatte über die sogennante Gentrifizierung.

die Diskussion verläuft häufig eher theoretisch. Etwa an Hand von Zahlen, die zeigen wie viele Menschen davon betroffen sind. Manchmal machen auch Initiativen auf Einzelschicksale aufmerksam, oder es melden sich Betroffene direkt zu Wort. So wie jetzt Bewohner eines Hauses in der Thaerstraße.13 Mietparteien wohnen dort aktuell noch im Vorderhaus und im Seitenflügel. Sie bieten einen Querschnitt durch die Sozialstruktur. Jung und alt, Alleinstehende und Familien. Zwei der Mieter sind Hartz IV-Empfänger, Die anderen zum Beispiel Studenten, Bauarbeiter, Bankmitarbeiter, Rentner. Die meisten leben schon Jahre oder Jahrzehnte in dem Haus. Ihre Miete lag bisher in Höhe des Mietspiegels für diese Gegend.

Das ändert sich jetzt. Denn das Objekt wurde im vergangenen Frühjahr an eine Immobilienfirma verkauft. Und die machte inzwischen klar, was sie vorhat: Nämlich das Haus grundlegend zu modernisieren und die bisherigen Bewohner zum Auszug zu bewegen.

Unter Modernisierung versteht der Eigentümer zum Beispiel den Einbau eines Aufzugs sowie zusätzlicher Balkone. Was dazu führen würde, dass einige Wohnungen zwar zum ersten Mal einen solchen bekämen, andere aber dann sogar über zwei Balkone verfügen würden. Im Innenhof soll ein Spielplatz angelegt werden und für die Wohnungen im Parterre gibt es Terrassen. Vorgesehen ist auch, die Badezimmer zu sanieren. Was zumindest in ihrem Fall völlig überflüssig sei, findet eine Bewohnerin. Zum einen sei ihr Bad überhaupt nicht baufällig. "Und vieles was dort als Neuerungen vorgesehen ist, habe ich bereits."

Mitbezahlen sollen die Modernisierungen die Mieter in Form eines höheren Wohnungsentgeldes. Ihre Kosten würde sich um bis zu 100, teilweise sogar um 200 Prozent erhöhen. Zumindest theoretisch. Denn eigentlich geht es gar nicht mehr um sie. Ihre bisherigen vier Wände sollen als Eigentumswohnungen verkauft werden.

Das machte ein von den neuen Besitzern bestellter Mietmanager schon in seinen ersten Gesprächen mit einigen Bewohnern deutlich. Vor allem dadurch, in dem er ihnen Prämien für einen Auszug anbot. Deren Höhe bemisst sich anscheinend nach dem sozialen Status. Menschen, die einigermaßen verdienen, könnten mit bis zu 6000 Euro rechnen, wird erzählt. Einem Hartz IV-Empfänger seien dagegen nur 500 Euro offeriert worden.

Die meisten Betroffenen haben sich inzwischen kurz geschlossen und sich auch Hilfe vom Mieterverein geholt. Einigkeit über ihr weiteres Vorgehen besteht allerdings nicht. Zu unterschiedlich sind die Lebenssituationen, Hoffnungen und Ängste. Einige wollen kämpfen und sich nicht vertreiben lassen. Andere sind indifferent. "Ich würde gerne meine Wohnung behalten", meint eine Frau. "Aber ich weiß nicht, ob ich das durchstehe." Denn schon jetzt gingen die Auseinandersetzungen an die Nerven. "Wenn du ständig den Horror hast, welche Mitteilungen jetzt wieder im Briefkasten stecken." Das Gefühl, hier ein Zuhause zu haben gehe dabei verloren.

Rein theoretisch können die Mieter natürlich nicht einfach auf die Straße gesetzt werden. Aber es gebe natürlich Mittel und Wege, um ihnen das Leben schwer zu machen, befürchten sie. Spätestens dann, wenn die Umbauarbeiten beginnen. In einem Schreiben bereitete der Eigentümer bereits auf solchen Unbill vor. Möglicherweise seien die Toiletten zu gewissen Zeiten nicht nutzbar. Ersatz gebe es in Form eines Dixie-Klos. Spätestens dann suchen häufig viele Mieter das Weite und der Investor hat sein Ziel erreicht.

An ein gutes Ende glauben deshalb einige Betroffene nicht mehr. Aber sie wollen auf ihre Probleme aufmerksam machen. "Als ich bisher von ähnlichen Fällen gelesen habe, dachte ich immer, mich geht das nichts an. Aber gerade in Friedrichshain kann das heute jedem passieren."


Thomas Frey / tf
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