An zwei Tage in der Woche herrscht Chaos in den Bürgerämtern

Menschenschlange im Treppenhaus über zwei Etagen. Eine Momentaufnahme im Rathaus Kreuzberg am Morgen des 11. August. (Foto: Frey)
 
Eine Schlange bis fast auf die Straße. Wartende vor dem Bürgeramt im Rathaus Friedrichshain. Foto: Frey

Friedrichshain-Kreuzberg. Im Rathaus Friedrichshain stehen die Besucher manchmal bis vor die Eingangstür. Im Rathaus Kreuzberg belegen sie die Treppen. Alle wollen zum Bürgeramt.

Dieses Bild bietet sich an den beiden Standorte an jeweils zwei Tagen in der Woche. Massenandrang herrscht immer am Montag und Mittwoch in Kreuzberg sowie ebenfalls Montag und am Freitag in Friedrichshain. Der Grund: Zu diesen Terminen finden im Bezirk noch freie Sprechstunden statt. Ansonsten müssen sich Bürgeramtsbesucher auch hier vorher anmelden. In vielen anderen Bezirken werden die Kunden inzwischen nur noch nach vorheriger Terminvergabe bedient. Was dazu führt, dass viele auch von anderswo jetzt ebenfalls nach Friedrichshain-Kreuzberg kommen. Und dort für chaotische Verhältnisse sorgen.

Etwa vor einigen Tagen im Rathaus Kreuzberg. Bereits gegen 8 Uhr bildete sich eine lange Schlange. Gut eine halbe Stunde später waren alle Wartemarken für diesen Tag vergeben. Wer keine erhielt, musste wieder nach Hause gehen. Auch gegen Mittag war ein großer Teil der Wartenden noch nicht an der Reihe. Sie sei auch seit dem frühen Morgen hier, bestätigt eine Frau. "Aber es hilft nichts, ich muss mich dringend ummelden." Dass sie dafür wahrscheinlich mehrere Stunden benötigt, habe sie bereits befürchtet. Aber sich für einen Termin anzumelden bringe ihr noch weniger. "Da ist bis September alles voll."

Andere Gäste warten stoisch, bis ihre Nummer endlich aufgerufen wird. Manche telefonieren auch und scheinen andere Verabredungen für den weiteren Verlauf des Tages abzusagen oder zu verschieben. "Ich komme hier noch nicht weg", spricht ein Mann in sein Handy. "Wann? Keine Ahnung."

Trotz entsprechender Hinweisschilder, dass heute kein zusätzlicher Publikumsverkehr mehr möglich ist, kommen auch immer wieder noch neue Kunden. Ein Sicherheitsmitarbeiter weist sie darauf hin, dass sie nicht mehr bedient werden. Auch Klagen über die Wichtigkeit des Anliegens ändern daran nichts. "Erst am Montag können Sie wiederkommen."

Der angesagte Massenansturm stresst natürlich auch die Mitarbeiter des Bürgeramtes. Die haben zwar inzwischen Verstärkung in Form von vier befristet beschäftigten Kollegen bekommen. Aber auch das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Sollstärke bei den Bürgerdiensten beträgt rund 70 Beschäftigte. Allerdings sind wegen Krankheit oder Urlaub nur gut zwei Drittel regelmäßig im Einsatz.

Und insgesamt ist natürlich auch dieses Amt vom allgemeinen Stellenabbau betroffen. Er hat bereits dazu geführt, dass das Bürgeramt 2 in der Schlesischen Straße seit Juni bis auf weiteres geschlossen ist. Auch das erhöht den Druck auf die beiden anderen Standorte natürlich weiter.

Trotz dieser Situation denkt der Bezirk bisher nicht daran, die jeweils noch zwei terminfreien Tage aufzugeben und ebenfalls auf vorherige Anmeldung umzustellen. Denn das ändere nichts am Grundproblem, nämlich zu wenig Personal für zu viele Kunden. Auch dort, wo die Bürger nur noch mit Anmeldung vorstellig werden können, sei es ja nicht so, dass die Ämter nicht ausgelastet seien. An den vielen Menschen, die derzeit nach Friedrichshain-Kreuzberg strömen, zeige sich nur das Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage.

Gefordert wird deshalb, die Bürgerämter personell so auszustatten, dass der Ansturm bewältigt werden kann. "Nach den jüngsten Prognosen wächst Berlin in den nächsten 15 Jahren um rund 250 000 Einwohner, also die Größe eines Bezirks", rechnet Stadtrat Knut Mildner-Spindler (Linke), zuständig für die Bürgerdienste, vor. Gleichzeitig gebe es immer weniger Personal für die zusätzlichen Leistungen. Das Ergebnis: Warteschlangen.


Thomas Frey / tf
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