Eine Rollstuhl-Odyssee: Skurriler Kampf um einen Stellplatz

Zu groß für die Garage: der Rollstuhl der Familie Kollwitz. (Foto: Thomas Frey)
 
Vor jedem Auflug seiner Frau muss Manfred Kollwitz den Rollstuhl aus dem Keller holen. (Foto: Thomas Frey)

Er habe inzwischen den Ruf eines ewigen Kritikers, sagt Manfred Kollwitz. Damit fühlt er sich zwar keinesfalls richtig beschrieben. Aber ohne ständiges Nachhaken hätte sich bei seinem Anliegen überhaupt nichts bewegt. Und es ist auch jetzt noch nicht abgeschlossen.

Manfred Kollwitz ist 84. Seine Frau Christa wird demnächst 85 und ist außerhalb der Wohnung auf einen Rollstuhl angewiesen. Wenn sie nach draußen will, muss der Ehemann den fahrbaren und elektrisch betriebenen Untersatz aus dem Keller holen. Ihn von dort die Treppen ins Erdgeschoss zu hieven, macht ihm zu schaffen.

Deshalb wandte er sich schon vor rund zwei Jahren an ihren Vermieter, die Wohnungsbaugesellschaft WBM. Ob sie nicht in der Nähe der Wohnung in der kleinen Andreasstraße einen verschließbaren Abstellplatz für ihr Gefährt einrichten könnte. Und auch für andere. Damit begann eine Rollstuhl-Odyssee.

Denn die WBM reagierte auf diesen Wunsch zunächst eher zurückhaltend. Ihr war es erst einmal wichtig zu erfahren, ob das Ehepaar beziehungsweise die Pflegekasse bereit wäre, die Kosten für die Parkbox zu übernehmen. Dazu käme danach auch noch eine monatliche Gebühr zwischen zehn und 20 Euro. Sofern das Vorhaben überhaupt realisiert werden könne.

Manfred Kollwitz merkte unter anderem an, dass eine Nachbarin über so einen Rollstuhl-Stellplatz verfüge, der sie auch nur fünf Euro im Monat koste. Warum sei also ähnliches nicht auch bei ihm möglich? Antwort der WBM: Hier handle es um einen Einzelfall, der keine allgemeine Grundlage finden könne.

In Form solcher und ähnlicher Anschreiben sowie Reaktionen zog sich das Rolli-Problem dann durch die Jahre 2016 und 2017. Immerhin brachte es schließlich ein konkretes Ergebnis. Unweit des Hauses von Familie Kollwitz wurden im September drei überdachte Rollstuhlunterstände errichtet. Zunächst war die Freude groß. Aber nicht lange. Denn schon beim ersten Einparkversuch wurde deutlich: Das Modell von Christa Kollwitz passt nicht in den verschließbaren Unterstand. Es ist an den Hinterrädern zu breit. Auch sonst hält ihr Ehemann die Bauten für wenig gelungen. Das Schloss – ein Witz. Zeige er das der Krankenkasse, sie würde den Rolli bei einem Diebstahl wahrscheinlich nicht ersetzen. Denn der sei 2600 Euro teuer gewesen. Dafür gibt es in den Unterständen eine Ladestation. Toll für sein Gefährt, wenn es darin Platz finden würde. Eher nutzlos für die meisten Rollatoren, für die der Raum reicht.

In die Causa hatte sich zuvor auch Ulrike Ehrlichmann, die Behindertenbeauftragte des Bezirks, eingeschaltet. Sie kritisierte ebenfalls das eher zögerliche Agieren der WBM. Und bei den Boxen habe sie auf eine Firma in Brandenburg verwiesen, die auf solche Konstruktionen spezialisiert sei. Die wäre aber nicht zum Zug gekommen.

Als landeseigenes Unternehmen unterliege sie strengen Vergaberegelungen, "die wir einhalten", erklärt die WBM dazu. Das könne unter Umständen länger dauern, "was wir nicht beeinflussen können". Eine Verzögerung liege aber deshalb nicht vor. Es seien auch keine Boxen, sondern "hochwertige stabile Rollstuhlgaragen" eingerichtet worden. Zwei Drittel aller Modelle könnten dort untergebracht werden, was auch die Mieterschaft bestätige. Das der Familie Kollwitz fiel sichtbar nicht darunter. Denn selbst mit industriellen Standards sei "nicht darstellbar, alle Größen adhoc zu berücksichtigen", so die Begründung. Dem betroffenen Mieter sei aber bereits im November angeboten worden, gemeinsam eine Lösung zu finden, betont die WBM ebenfalls. Darauf sei aber bisher noch keine Rückmeldung erfolgt. Manfred Kollwitz ist die Extrawurst fast ein wenig peinlich. Mit einem anderen Vorgehen wäre das nicht nötig gewesen.

Keine Konflikte sieht die WBM außerdem wegen der ebenfalls neu installierten Fahrradbügel. Denn, so meint sie, auch der Bedarf an solchen Stellflächen steige in der Wohnanlage. Was sich beim Vor-Ort-Termin aber nicht unbedingt nachvollziehen ließ. Zumindest an diesem Vormittag war an keinem Bügel ein Zweirad angeschlossen. Manfred Kollwitz ahnt auch warum. "Die meisten haben ihre Räder im Keller". Und im Alter der meisten Besitzer mache das Hochtragen auch noch keine Schwierigkeiten. Anders als bei ihm und dem Rollstuhl.

Schnelle Reaktion

Wie auch immer das Verhalten der WBM in Sachen Rollstuhlwirrwarr zu bewerten ist – ihre Reaktion dazu kam auf jeden Fall fast postwendend. Die Fragen zu diesem Thema wurden am 23. Dezember per Mail abgeschickt. Sie waren mit dem Hinweis verbunden, dass schon wegen Weihnachten keine sofortige Nachricht erwartet wird.

Aber bereits am 27. Dezember meldete sich Martin Püschel von der WBM-Pressestelle. Leider könne er die Antworten erst am kommenden Tag schicken, wenn die zuständige Sachbearbeiterin wieder im Haus sei, entschuldigte er sich. Was dann auch passierte.

Solche sofortigen Rückmeldungen, und das auch noch rund um den Jahreswechsel, sind nicht überall die Regel. Manchmal dauert es Tage oder sogar Wochen, bis gewünschte Informationen eintreffen. Oder auch gar nicht. Im September wurde eine Stellungnahme der Verkehrslenkung Berlin zur inzwischen beendeten Laternenodyssee in der Frankfurter Allee erbeten. Sie steht bis heute aus. tf Schnelle Antwort
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