Neues Projekt soll Konflikte im Boxhagener Kiez minimieren

Stumm gingen Pantomimen im vergangenen Jahr gegen den Lärm in der Simon-Dach-Straße vor. Jetzt sollen die Probleme im Gespräch gelöst werden. (Foto: Thomas Frey)
 
Wer mehr öffentliches Straßenland als erlaubt besetzt, bekommt inzwischen Probleme mit dem Ordnungsamt. Beim Thema nächtliche Ruhestörung sollen Anwohner und Gastronomen einen Konsens finden. (Foto: Thomas Frey)

Friedrichshain. Die Gegend gilt als einer der touristischen Hot Spots im Bezirk. Zwischen Boxhagener und Revaler sowie Warschauer und Gärtnerstraße schieben sich in den Sommermonaten Besuchermassen und frequentieren die Außenplätze in den vielen Lokalen.

Das führt schon lange zu Stress mit lärmgeplagten Nachbarn. Jetzt gibt es einen neuen Versuch, den Konflikt einzudämmen: mit reden.

Im Rahmen des Labels "fair.kiez", das sich für einen stadtverträglichen Tourismus einsetzt, sollen Anwohner und Gaststättenbetreiber zusammengebracht und gemeinsame Lösungen erarbeitet werden. Das Geld für dieses Projekt, etwas mehr als 50 000 Euro, kommt von der Tourismusagentur Visit Berlin. Sie stellt allen Bezirken insgesamt 650 000 Euro zur Verfügung.

Es funktioniert

Mit der Umsetzung im Boxhagener Kiez ist die Coopolis GmbH beauftragt. Sie hat bereits einige Erfahrungen mit Mediation in Friedrichshain-Kreuzberger Ausgehmeilen. Im Graefekiez sei vereinbart worden, dass an den Wochentagen um 23 Uhr und am Wochenende um 24 Uhr der Außenbetrieb beendet wird. Das funktioniere inzwischen, sagt Coopolis-Geschäftsführerin Stefanie Raab.

Auch für Teile des Boxi-Quartiers, etwa für die nördliche Simon-Dach-Straße, existiert bereit seit 13 Jahren eine solche Abmachung. Die werde auch weitgehend eingehalten, so das Ergebnis von Stefanie Raab, nachdem sie mit ihren Mitarbeitern das nächtliche Treiben beobachtet hat. Schwieriger sei es dort, wo solche Regelungen nicht bestehen, wie im unteren Teil der Simon-Dach-Straße. Dort gebe es auch eine andere Art von Gastronomie mit weniger Restaurants, dafür mehr Bars. Die Straße müsse man sich als ein "Nord-Süd-Gefälle" vorstellen, auf der sich der Zug der Feierwütigen immer mehr in Richtung RAW-Gelände bewegt, je später der Abend wird. Das RAW-Areal ist allerdings nicht Teil des Projekts, gleiches gilt für die Warschauer Straße.

Finanzierung bis Jahresende

Außerdem hat das Coopolis-Team inzwischen eine Kiezkartierung erstellt. Sie ergab, dass in dem betreffenden Gebiet 307 Erdgeschossflächen gewerblich genutzt werden. Davon sind 155, also mehr als die Hälfte, in den Bereichen Gastronomie und Tourismus angesiedelt. Neben Lokalen zählen dazu auch Imbisse, Bäckereien oder Spätverkäufe.

Auch Kontakte zu Akteuren vor Ort oder ihren Interessenvertretern seien hergestellt worden, wobei namentlich der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga und die Anwohnerinitiative "Die Anrainer" genannt wurden. Dieser Kreis soll jetzt ausgeweitet, Gastronomen angeschrieben sowie das weitere Vorgehen abgestimmt werden. Das alles muss sehr zeitnah passieren, denn das Projekt ist nur bis zum Jahresende finanziert.

Sie hoffe bis dahin auf erste konkrete Ergebnisse, macht Stefanie Raab deutlich. Denn manchmal seien es nur Kleinigkeiten, die für Ärger sorgen, die aber in einem direkten Gespräch abgestellt werden könnten. Etwa das Entsorgen von Müll oder laute Musik aus einem Lokal zu nachtschlafender Zeit.

Ähnlich klingt das bei Wirtschaftsstadtrat Dr. Peter Beckers (SPD). Gäste seien willkommen, wobei es sich beim Feierpublikum nicht nur um Touristen, sondern oft auch um Besucher aus anderen Bezirken oder dem Umland handle. Aber allen müsse klar sein: "Hier wohnen auch Menschen."

Zweifel an Erfolg

Carola Vogel, Sprecherin der Anrainer, bewertet den neuen Anlauf zurückhaltender. Die Initiative werde sich zwar beteiligen, aber es bleibe abzuwarten, ob wirklich etwas dabei herauskomme, meint sie. Ein Problem sei, dass es für die Lokale im Gebet bisher ganz unterschiedliche und für viele auch gar keine Vorgaben für das Ende ihres Außenausschanks gebe. Karola Vogel verweist darauf, dass jedes Abmachung, die auf eine Nachtruhe nach 22 Uhr hinauslaufe, bereits ein Entgegenkommen der Anwohner bedeute.

Das Moderationsverfahren ist nicht der erste Versuch von fair.kiez. Im vergangenen Sommer waren im Boxi-Quartier Pantomimen unterwegs, die das Publikum zu mehr Rücksichtnahme animieren sollten. Das Ergebnis fiel eher bescheiden aus und manchmal sogar kontraproduktiv. Denn viele Gäste sahen in den stummen Darstellern eine weitere Attraktion ihres Partyabends.

Für Peter Beckers waren die Pantomimen dagegen eine Art Einstieg, der in manchen Kiezen nach seiner Meinung einigermaßen funktioniert habe. Abgesehen davon widme sich der Bezirk auch auf andere Weise den Problemen in den Tourismusgebieten. Er erinnerte an die inzwischen rigide Handhabe bei den Freiluftplätzen, wo es im Frühjahr Diskussionen über drei Zentimeter zu langes Mobiliar gegeben hatte, das daraufhin abgesägt werde musste.

Und sollte das aktuelle Projekt keine Lösungen bringen, könnte es auch ein weiteres Vorgehen der Verwaltung geben, ließ der Stadtrat durchblicken. Möglicherweise meinte er damit ein grundsätzliches Außenausschankverbot nach 22 Uhr. Aber bevor solche Repressionen kommen, soll jetzt erst einmal geredet werden. tf
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Karola Vogel aus Friedrichshain | 21.08.2016 | 08:22  
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