Wiesenburg bleibt gesperrt: Degewo beendet Werkstattverfahren

Wiesenburg-Vereinschef Robert Bittner will die Wiesenburg schnell für eine kulturelle Nutzung öffnen. (Foto: Dirk Jericho)
 
Der frühere Badesaal. Hier gibt es Pläne für einen Wohnungsneubau. (Foto: Dirk Jericho)

Gesundbrunnen.Die Degewo hat sich nach einem dreistufigen Werkstattverfahren für zwei Entwürfe entschieden, die weiterentwickelt werden sollen. Auf dem Gelände sollen über 100 neue Wohnungen entstehen. Die historischen Ruinen werden saniert und soziokultureller Begegnungsort.

Es ist, als tauche man in eine andere Welt. In den Ruinen des früheren Obdachlosenasyls sind Bäume gewachsen. Alte Backsteinwände, imposante Portale, fehlende Dächer. Von den früheren Schlafsälen für Hunderte Obdachlose auf der südlichen Seite des 12 500 Quadratmeter großen Areals ist fast nichts mehr zu sehen. Hier hinten ist ein Märchenwald gewachsen, in dem Vögel zwitschern. Garten nennen die Wiesenburger – die Bewohner des Wohnhauses und die Künstler, die hier seit Jahrzehnten in ihren Ateliers arbeiten – den verwunschenen Ort. Filmemachern schlägt das Herz höher, wenn sie hier drehen. Die Wiesenburg-Ruinen sind bis heute beliebte Kulissen. Hier wurden etliche Streifen wie die „Blechtrommel" von Volker Schlöndorff oder Fritz-Lang-Films „M – Eine Stadt sucht einen Mörder" gedreht.

Das Idyll verschwindet

Doch dieses einzigartige Idyll wird verschwinden. Die Degewo, die das Gelände 2015 offiziell übernommen hat, will die Ruinen denkmalgerecht sanieren und auf dem Areal der einstigen Schafsäle viergeschossige Wohnhäuser bauen. Das Werkstattverfahren wurde jetzt beendet. Zwei Konzepte der Büros PS Wedding und Die Zusammenarbeiter sollen weiter verfolgt werden. Die Degewo hatte immer ein „offenes und transparentes Werkstattverfahren“ versprochen. Doch in der entscheidenden Jury, die für die Baukonzepte gestimmt hat, saßen nur Degewo-Leute. Der Wiesenburg-Verein – ein Zusammenschluss der Bewohner und Künstler – sowie Bezirksvertreter, Denkmalschützer und Quartiersmanagement durften nur beratend dabei sein. Es gibt viele einzelne Kritikpunkte an den ausgewählten Städtebauprojekten.

Hinweise nicht berücksichtigt

Die Wiesenburger favorisieren den Entwurf vom Büro Klinkenberg, der die geplanten Wohnhäuser anders als beim Vorschlag von PS Wedding vom historischen Bestand abrückt und durch Gärten vor den Wohnungen die Häuser besser zur Wiesenburg ausrichtet. Doch der ist rausgeflogen. Auch wollen die Wiesenburger nicht, dass wie im PS Wedding-Modell im ehemaligen Badesaal Wohnungen gebaut werden. All diese Hinweise der beratenden Jury wurden nicht berücksichtigt.

Einigkeit besteht, dass die alte Sammelhalle ein Kulturort für den gesamten Kiez werden soll. Der Wiesenburg-Verein möchte sie bespielen und für die Nachbarschaft öffnen. Der Verein will langfristig den kompletten Altbaubereich übernehmen und als Träger und Betreiber zum öffentlichen Kultur- und Kreativort entwickeln. „Die Degewo soll sich auf ihr Kerngeschäft Wohnungen konzentrieren“, sagt Vereinschef Robert Bittner. Ihn ärgert, dass seit der Degewo-Übernahme das gesamte Gelände gesperrt ist. Mit wenig Geld könne man die Sammelhalle verkehrssicher machen und sofort nutzen, so Bittner. Doch die Degewo stellt eine „temporäre Nutzung frühestens im Sommer 2017“ in Aussicht, so Cordula Fay von der Degewo. Bittner sagt, dass das Quartiersmanagement Gelder hat, um die Sammelhalle sofort herzurichten. „Die Wiesenburg bleibt lahmgelegt“, sagt Bittner. Niemand darf auf das Gelände, alles ist verrammelt. Auch Oscarpreisträger Florian Henckel von Donnersmarck, der gerade auf der Wiesenburg für seinen neuen Kinofilm drehen wollte, bekam einen Korb.

Wann die Degewo mit der Sanierung und dem Wohnungsneubau beginnt, ist offen. Jetzt sollen erst einmal etliche Gutachten zum Baugrund, Schadstoffen und Schallschutz erstellt und die Pläne auf wirtschaftliche Machbarkeit gecheckt werden.

Geschichte der Wiesenburg

Erbaut wurde die Wiesenburg 1896 vom Berliner Asyl-Verein für Obdachlose, den Berliner Bürger wie Rudolf Virchow, Paul Singer oder die Industriellen Borsig und Boll gegründet hatten. Bis zu 700 Männer und 400 Frauen fanden in den Räumen bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs Asyl. Bis 1933 diente es der jüdischen Gemeinde als Heim. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Gebäude teilweise zerstört. In den Ruinen wurden zahlreiche Filme wie die „Blechtrommel" von Volker Schlöndorff gedreht. Seit 2012 gehört das Areal dem Land Berlin. Die kommunale Wohnungsbaugesellschaft soll die Ruinen denkmalgerecht sanieren, Wohnungen bauen und einen öffentlichen Ort für kulturelle und soziale Nutzungen schaffen. DJ
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