Industriegeschichte im Untergrund: Verein führt durch Deutschlands ersten U-Bahntunnel

Unterwelten-Chef Dietmar Arnold und sein Team haben den vergessenen AEG-Versuchstunnel leergepumpt und für Besucher wieder zugänglich gemacht. (Foto: Dirk Jericho)
 
Eine elektrische AEG-Röhrenbahn vor der Einfahrt in den Versuchstunnel 1897. (Foto: Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin, AEG-Archiv)
Berlin: AEG-Versuchstunnel |

Gesundbrunnen. Er ist deutsche Industriegeschichte und seit Jahren ungenutzt und fast vergessen: Der AEG-Versuchstunnel unter dem ehemaligen Werksgelände der Allgemeinen Electricitäts-Gesellschaft (AEG) an der Voltastraße gilt als der erste U-Bahntunnel Deutschlands.

3,15 Meter hoch, 2,60 Meter breit und 374 Meter lang: Vor 120 Jahren hat die AEG von ihrer Großmaschinenfabrik an der Voltastraße zur Apparatefabrik an der Ackerstraße einen Versuchstunnel für eine elektrische Röhrenbahn nach Londoner Vorbild gebaut. 1897 wurde der AEG-Versuchstunnel eröffnet und war zu Testzwecken bis zirka 1915 in Betrieb. Eine elektrische Bahn pendelte für betriebsinterne Zwecke und transportierte Arbeiter und Materialien von einem Fabrikgelände zum anderen. In Richtung der früheren AEG-Apparatefabrik an der Ackerstraße geht es in mehreren Kurven bis zu sieben Meter tief abwärts.

Im Ersten Weltkrieg wurden in dem seit 1986 denkmalgeschützten Bauwerk Granaten mit Sprengstoff befüllt. Davon zeugen noch heute Salpeterkristalle an den Wänden von den Sprengstoffsäcken, die dort standen, wie Dietmar Arnold sagt. Der Chef des Vereins Berliner Unterwelten, der im Juni seinen 20. Geburtstag feiert, hat den vergessenen Tunnel erforscht und führt ab April durch die geheimnisvolle Anlage. Berlins Maulwürfe und Experten für unterirdische Bauwerke haben bereits von 2005 bis 2009 Führungen im AEG-Versuchstunnel gemacht. Doch nach dem Verkauf der GSG-Gewerbehöfe an der Voltastraße an neue Investoren und der TU-Gebäude an der Ackerstraße an eine Privatschule gab es Rechtsstreitigkeiten, wer für den seit 1984 ungenutzten Tunnel zuständig ist. Wände wurden zugemauert und die Pumpe abgestellt, so dass die Röhre durch eindringendes Wasser geflutet wurde.

Die Berliner Unterwelten wollten schon länger den Tunnel und konnten sich nach dem Ende des Rechtsstreits 2014 mit den Eigentümern auf einen Nutzungsvertrag einigen.

Mehr als 200 000 Euro hat der Unterwelten-Verein für die Sicherung des Tunnels investiert. Seit Anfang 2016 ackern die Maulwürfe in der Betonröhre, um sie für Besucher zugänglich zu machen. Das Team von Dietmar Arnold hat ein Jahr lang die originalen Gleise (Normalspur, 1435 Millimeter, wie U- und Straßenbahn) wieder freigelegt und fehlende Abschnitte nachgebaut. Dazu musste auf gesamter Länge die Betonschicht über den alten Schienen abgebrochen werden. Die AEG-Arbeiter waren nach dem Ende des U-Bahn-Testbetriebs mit der elektrischen AEG-Röhrenbahn jahrzehntelang mit gummibereiften Fahrzeugen zwischen den Fabrikstandorten unterwegs. Im Zweiten Weltkrieg diente der Tunnel als Luftschutzanlage für die Werksangehörigen. Bis zu 1300 Menschen haben dort Platz gefunden. Einen Bombentreffer hätten sie jedoch nicht überlebt, „weil die Decke durchschlagen worden wäre“, sagt Arnold.

Alle Details zur Geschichte des Areals und besonders des Tunnels, der seit seiner Inbetriebnahme am 31. Mai 1897 für ganz unterschiedliche Zwecke genutzt wurde, gibt es ab dem 8. April bei den 90-minütigen Führungen. Die Berliner Unterwelten bieten die Exkursionen in die Tunnelröhre ganzjährig sonnabends um 11 und 13 Uhr an. Im Sommer sollten Besucher an warme Kleidung denken, denn im Tunnel sind durchgängig nur zehn Grad Celsius. Tickets zum Preis von elf Euro gibt es weder vor Ort noch an der zentralen Kasse im Unterwelten-Pavillon an der Brunnenstraße, sondern ausschließlich über den reservix-Onlineshop www.reservix.de (Suchbegriff: AEG-Versuchstunnel) oder an den reservix-Vorverkaufsstellen. Treffpunkt ist am Tunneleingang; Zugang über Voltastraße 6 (im Hof neben Treppe 12.1). DJ
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