Artisten fliegen raus: Weddings berühmtes Ballhaus an Investor verkauft

Vor allem Kinder und Jugendliche hatten im Glaskasten jahrelang Spaß bei den Artistikworkshops. Dutzende Shows wurden begeistert von den Angehörigen und Besuchern aus ganz Berlin gefeiert. (Foto: Die Schroeckleloecks)
 
Caroline Schroeck und Gilles Le Leuch haben jahrelang im Glaskasten Artistik gemacht. Mit dem Verkauf wurden sie gekündigt. (Foto: Dirk Jericho)
Berlin: Glaskasten |

Gesundbrunnen. Der Mitte der 1990-er Jahre mit zwei Millionen Euro Senatsgeldern sanierte historische Ballsaal Glaskasten in der Prinzenallee 33 ist seit vielen Jahren ein beliebter Veranstaltungsort und Probenraum für Artisten. Jetzt wurde das Haus an einen Münchner Investor verkauft.

Seit 14 Jahren trainieren zehn professionelle Artisten im Glaskasten. Das Künstlerkollektiv rund um das Artistenpaar Caroline Schroeck und Gilles Le Leuch, die den Saal gemietet haben, begeistern mit ihren Shows. Viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene - seit einem Jahr auch eine Zirkus-Seniorengruppe - werden hier in Kursen ausgebildet. Die Workshops sind meist gefördert, zum Beispiel vom Quartiersmanagement. Die Kiezbewohner können sich marktübliche Gebühren nicht leisten.

Auch die Schroeckleloecks, wie sich Caroline Schroeck und Gilles Le Leuch nennen, zahlen nur eine geringe Miete für die Nutzung des für Artistik- und Variete perfekt ausgestattetem Glaskastens. Jetzt müssen die Artisten raus. Der Soldiner Kiez verliert seinen beliebten Kulturort, den auch Schulen und Vereine gern genutzt haben. Caroline Schroeck sucht einen neuen Trainingsort. Gern würde sie im Glaskasten weitermachen.

Doch der Mietvertrag wurde zu Ende Januar gekündigt. Der gemeinnützige Verein Zukunft Bauen e.V. als Eigentümer der historischen Immobilie - ein Träger der Jugendhilfe - hat das gesamte Gebäude samt Wohnungen und Theatersaal an einen Münchner Investor verkauft. Er ist seit Januar neuer Besitzer, wie Zukunftsbau-Geschäftsführer Dieter Baumhoff bestätigt. Ihm sei ein „Stein vom Herz gefallen“, das er endlich einen Käufer gefunden hat. Der Glaskasten habe sich nie selbst getragen, die jährlichen Betriebskosten von 75 000 Euro waren weit höher als die Mieteinnahmen. „Wir mussten immer dazubuttern“, so Baumhoff. Die Idee, dass ein solventer Mieter das Haus betreibt, hatte sich schnell zerschlagen. Das Varieté Chamäleon aus Mitte, das hier 2000 einen zweiten Spielort eröffnete, gab nach einem Jahr Wedding auf. Seitdem nutzten vor allem Vereine und Kiezinitiativen wie die Artistenschule den schönen Saal mit 150 Plätzen. Eine marktübliche Kostenmiete konnte keiner zahlen.

Brisant an der Sache: Das komplette Haus mit Wohnungen, Restaurant und Ballsaal wurde mit insgesamt zweieinhalb Millionen Euro vom Land Berlin gefördert. „Deshalb musste der Senat dem Verkauf auch zustimmen“, so Baumhoff. Die Sanierung hatten Jugendliche im Rahmen von Beschäftigungs- und Qualifizierungsmaßnahmen des Ausbildungsbetriebes Zukunftsbau GmbH und ABM-Helfer durchgeführt.

Die Artisten und Kiezinitiativen haben erst vor wenigen Wochen von dem Verkauf erfahren. Die Senioren vom „Glaskasten Seniorenzirkus“ haben Ende Januar einen Protestbrief an alle BVV-Fraktionen und Bürgermeister Christian Hanke (SPD) geschrieben.

Unklar ist derzeit die Zukunft des Glaskastens und des afrikanischen Restaurants im Vorderhaus. Der Mietvertrag endet Ende März. Der Eigentümer, der als Privatmann nicht namentlich in der Zeitung stehen will, sucht Mieter für den sechs Meter hohen Ballsaal. Im Internet wird das Objekt für „Kultur, Musik, Kunst, Kabarett, Restaurant“ angeboten. Miete: 4000 Euro. Er habe den „attraktiven Saal“ auch als „ein Stück Idealismus“ und als Kapitalanlage gekauft. Mit dem Glaskasten will er nach eigenen Angaben „nicht reich werden aber auch nicht dazubuttern.“ Zehn Interessenten gebe es bisher. „Darunter sind viele charmante Dinge für den Kiez“, so der Investor. Möglicherweise könnte auch die Artistengruppe mit einem neuen Betreiber kooperieren. Unter den potenziellen Interessenten sind auch Vereine. Bei Bedarf würde der Eigentümer eine Galerie einbauen, um mehr Zuschauerplätze zum Beispiel für ein Variete zu schaffen. Die Mieter der acht Wohnungen müssten keine großen Mieterhöhungen fürchten. „Ich bin niemand, der Häuser kauft, um daraus Eigentumswohnungen zu machen“, sagt der Investor. DJ
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