Kopf der Lenin-Statue soll nun doch nicht gezeigt werden

Haselhorst. Die im kommenden Jahr auf der Zitadelle eröffnende neue Dauerausstellung über Berliner Denkmäler steht eventuell vor einer schwerwiegenden konzeptionellen Änderung. Der Berliner Senat verweigert den Zugriff auf Lenins Steinkopf.

Er sollte das größte und spektakulärste Exponat der Ausstellung "Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler" werden: der Kopf der 19 Meter hohen Leninstatue, die seit 1970 auf dem nach dem Mitbegründer der Sowjetunion benannten Platz (heute Platz der Vereinten Nationen) in Friedrichshain stand, 1991 demontiert und in einem Köpenicker Waldstück vergraben wurde. Die Weigerung des Senats, den rund dreieinhalb Tonnen schweren und 1,70 Meter hohen Kopf nach Spandau zu geben, hat angeblich keine ideologischen Gründe. Man wisse nicht mehr, wo die Statue liege, und aufwendige Grabungen seien zu teuer, verlautet es aus der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

Dem widerspricht Spandaus Kunstamtsleiterin Andrea Theissen: "Die Kosten für Ausgrabung, Transport und Restaurierung sind im Finanzplan der Ausstellung vorhanden, und auch die Stelle in Köpenick ist bekannt." Lenins Kopf sei seit Jahren ein "gesetztes Objekt" der Schau, die Denkmäler nicht nur bewahrt, sondern ihre Aussage und Wirkung auch hinterfragen soll. So sammeln sich jetzt auch die Befürworter der Lenin-Präsentation. Der Vorsitzende der SPD-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung, Christian Haß, bringt die Kulturpolitiker der Landes-SPD für die Bergung in Stellung, aber auch Alexander Koch, Direktor des Deutschen Historischen Museums Berlin und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Ausstellung, spricht sich dafür aus.

Trotz der Unterstützung macht der Ausstellungsmacherin Theissen der Zeitplan Sorgen: "Wir müssten jetzt eigentlich beginnen." Denn auch als über die Bergung des Kopfes noch Einigkeit herrschte, war klar, dass im Köpenicker Wald nicht unbegrenzt gegraben werden kann. Auf dem Schutthügel ist ein Stück Natur entstanden, in dem sich auch eine Zauneidechsen-Art angesiedelt hat, deren Winterruhe nicht gestört werden soll.


Der Kopf des Anstoßes

Ein Kommentar von Christian Schindler

Im selben Jahr 1991, in dem die Friedrichshainer Lenin-Statue aus dem Berliner Stadtbild verschwand, erschien Tilman Spenglers Roman "Lenins Hirn". Der Schriftsteller erzählte die Geschichte vom Wahn sowjetischer Wissenschaftler, in den Hirnrundungen Lenins so etwas wie Genie nachweisen zu wollen. Ein deutscher Forscher nimmt sich der Aufgabe an, doch sie wird nicht gelöst. Irgendwann verschwindet Lenins Hirn in den Wirren der Geschichte des 20. Jahrhunderts. So einfach ist das mit dem Denkmal aus Beton und Granit nicht. In 129 Teile verlegt, ruhen sie mehr oder weniger in der Nähe des Müggelsees. Mehr oder weniger, weil wohl schon "Lenin-Spechte" versuchen, sich Bruchstücke des Denkmals zu sichern. So ist das mit den Denkmalen: Sie lassen sich so wenig entsorgen wie die Geschichte insgesamt. Die Ideologie der Sowjetunion verschwindet nicht einfach, weil eine Statue im märkischen Sand versinkt. Die Präsentation des Kopfes auf der Zitadelle, eingebettet in den historischen Kontext, wäre da der geeignete Gegenentwurf. Darüber war man sich eigentlich seit Jahren einig, bis irgendjemand in der Senatsverwaltung glaubte, Lenin einfach vergessen zu können.


Christian Schindler / CS
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