Leidenschaftliche Menschen-Sichten: Ausstellung in der Bastion Kronprinz der Zitadelle

1981 malte Johannes Grützke das Bild "Europa erscheint". (Foto: Johannes Grützke)
 
Aus dem Jahre 2012 stammt Hans Scheibs Skulptur "Guter Morgen (Genesung)". (Foto: Christian Schindler)
Berlin: Zitadelle Spandau |

Haselhorst. Noch bis zum 27. September ist auf der Zitadelle Spandau die Ausstellung „Sei Realist – sei Berliner! Leidenschaftliche Sichten des homo sapiens“ zu sehen.

Die elf Künstler, die jetzt auf der Zitadelle vereint sind, stammen fast alle aus Berlin, oder wurden zu Berlinern. Der älteste von ihnen, Manfred Bluth (1926 -2002), lebt nicht mehr. Zu seinen Werken gehören ironisch gebrochene Darstellungen aus der russischen Revolution, wie die Porträtierung von Lenin und Swerdlow 1917 in Petrograd. Bluth stellte das einer Postkarte entnommene Motiv im Stil des Historienmalers Anton von Werner dar. Pikanterweise war Bluth in den 1950er Jahren Ausstellungsleiter des Amerika-Hauses am Bahnhof Zoo, das die von den Nationalsozialisten verzogenen Deutschen mit der westlichen abstrakten Kunst ab den 1930er Jahren vertraut machte.

Gegen die Abstraktion wiederum rebellierte Bluth später. Mit Johannes Grützke, Matthias Koeppel und Karlheinz Ziegler gründete er 1973 die Schule der neuen Prächtigkeit. Auch das ist ironisch. 1981 lässt Grützke Europa erscheinen, die als Putzfrau mit Schrubber und Eimer über die sich streitenden Vertreter des alten Kontinents hinwegsieht. Nicht umsonst hat er 2012 den Hannah-Höch-Preis des Landes Berlin erhalten, aber mit einem Blick in die europäischen Gremien oder auch nach Griechenland fragt man sich heute, ob da nicht ein Realist visionär den Pinsel geschwungen hat.

Während Grützke den ganz großen Wurf schätzt, implantiert Michael Sowa der Kunstgeschichte hanebüchenen Irrsinn. Eine gedeckte Tafel in einem sonnigen Garten ist die letzte irdische Station eines Erholung suchenden, dessen Beine auf dem Boden gerade so ins Bild reichen. Der gebürtige Potsdamer Hans Scheib reflektiert Grundsituationen, zeigt mit Holzakten Menschen zwischen Skepsis und Unsicherheit. Ganz aktuell ist dagegen Johannes Heisigs „Mach Dir ein Bild“ von 2015. Ein möglicherweise nackter Mensch mit Stirnband und Feuerumhang, so genau lässt das der heftige Pinselstrich nicht sagen, steht in einem Raum, der eine Kneipe mit Bildern an den Wänden, Kerzen auf Tischen, und merkwürdig schwebenden Kugeln ist. Vielleicht ein Kommentar zum Bilderverbot des Islam, das von Terroristen bis zur Menschenverachtung getrieben wird?

Dazu passen die Porträts von Toten und Gepeinigten von Heike Ruschmeyer, die oft Tatortfotos oder Dokumentationen der Gerichtsmedizin als Vorlagen nutzt. Danach erheitert wieder Pavel Feinstein, der in altmeisterlicher Manier Tiere, bevorzugt Affen in Szene setzt, aber auch drastische Erotik, genau wie Lilli Hill. Torsten Holtz setzt gegen diese Rundungen lieber plane Farbflächen, die auf den ersten Blick simple Porträts bilden. Schaut man genauer hin, tun sich auf den hellen Gemälden Abgründe auf. Denen muss man in den Porträts von Bettina Moras wieder über zerfließende Farben folgen. Bleibt noch Andreas Leißner, der hyperfotografisch genau narzisstische Menschen malt – vorzugsweise junge Männer.

„Sei Realist – sei Berliner! Leidenschaftliche Sichten des homo sapiens“ ist bis zum 27. September täglich von 10 – 17 Uhr in der Bastion Kronprinz der Zitadelle, Am Juliusturm 64, zu sehen. Der Eintritt von 4,50 Euro (ermäßigt 2,50 Euro) berechtigt auch zum Eintritt in alle anderen Ausstellungen auf der Festung. Für Besucher des Citadel Music Festivals ist die Ausstellung ab Einlass bis Konzertbeginn kostenlos zu besichtigen. CS
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