Pflanzen für die Zukunft: Im Prinzenviertel schaffen sich Schüler ihre Gartenwelt

Kleine und große Gärtner lernen zusammen, so wie Schulleiterin Nicola Richter, die Zweitklässler Ludwig und Niklas und Lehrer Lothar Gütter. (Foto: Wrobel)
 
Lehrer Lothar Gütter zeigt auf ein Jahr Arbeit, den Oktogongarten. (Foto: Wrobel)

Karlshorst. Die Schüler aus der Grundschule in der Ehrlichstraße 63 zerbrechen sich nicht den Kopf, um Lösungen für die Probleme der Zukunft zu finden. Sie gärtnern. Und finden ganz nebenbei heraus, was die Welt besser machen könnte.

"Da war er, der Stadtsee." Der Lehrer Lothar Gütter deutet auf eine Stelle mitten auf dem Schulhof. Noch heute ist der benachbarte Park nach dem einstigen See benannt. Den gibt es nicht mehr. Er wurde nach dem Krieg mit Schutt aufgefüllt. Und auch die ursprüngliche Parkanlage aus dem Jahr 1913 ist verschwunden, wo einst Rhododendronbüsche und Wandelgänge mit rankenden Pflanzen standen. Ein kleines, grünes Paradies mitten im Prinzenviertel. Der zerstörerische Moment des Weltkriegs, er spiegelt sich auch in der Natur wieder.

Um die Rückkehr dieses Paradieses bemühen sich seit mehr als einem Jahr die 260 Schüler der privaten KreativitätsGrundschule in der Ehrlichstraße 63. Sie schaffen ihre eigenen Gärten, Beete und berankten Räume. Doch sie wollen nicht nur Gärtnern, sondern aus der Naturerfahrung für das Morgen lernen und so eine bessere Geschichte schreiben. So sind die Gärten der Nährboden für Fragen nach einer ökologisch sinnvollen Lebenskultur.

Die Antworten auf diese Fragen zu finden, dabei hilft der Lehrer Lothar Gütter. Vor dreißig Jahren begann er als Gymnasiallehrer, lehrt auch heute noch Geschichte und Philosophie. Seine Leidenschaft ist die Naturpädagogik und damit alles Lebendige. "Man muss der Natur stets das zurückgeben, was man ihr nimmt", sagt er zu einem Zweitklässler, der gerade ein reifes Radieschen aus dem Boden zieht. Gütter reicht dem Jungen einen Eimer voll mit Radieschensamen, die er mit anderen Schülern gezogen hat. "Jetzt such' Dir eine Stelle, um den Samen zu pflanzen." Der Schüler sucht im Gemüsefeld. Freie Stellen gibt es dort kaum noch, denn mehr als 30 Sorten Tomaten wachsen aus dem hochfruchtbaren "Terra Preta"- Nährboden, den die Schüler aus verbrannter Biomasse selbst hergstellt haben.

Vor dem Schuleingang sind weitere Gärten. Diese "Kräuterdrachen" haben im vergangenen Jahr sogar den Preis "Umweltschule in Europa" der internationalen Stiftung für Umwelterziehung erhalten. In diesem Jahr fördert die Stiftung Naturschutz Berlin die Schule: Zwei Absolventen des Freiwilligen Ökologischen Jahres sollen helfen, die "Paradiesgestaltung im Prinzenviertel", wie die Schule ihr grünes Projekt nennt, auszubauen. "Bald wollen wir eine Kulturpflanzenarche werden", sagt Gütter. Denn immer mehr regionales Gemüse verschwindet, weil der industrielle Anbau nur wenige Gemüsesorten kennt. Die Schüler sollen für den Erhalt der seltenen Sorten sorgen, sie anbauen, die Samen ziehen und weitergeben. Ein Gartencafé ist ebenso geplant.

"Hier geht es um mehr, als bloß Gartenarbeit und Naturerfahrung", sagt auch Nicola Richter. Sie leitet die private Schule des freien Trägers, dem Verein "Kappe". Die Gärten böten Lernansätze für fast jedes Unterrichtsfach, weiß sie. In der Mathematik etwa werden die Flächen- und Winkel eines Beetes berechnet, in der Biologie die Bodenproben untersucht, selbst französischer Wortschatz lässt sich aus den lateinischen Namen der Pflanzen ableiten. Stück um Stück entwickelt die Schule so ihr eigenes, grünes Unterrichtskonzept. Das sei "beispielhaft für andere Schulen", sagt Harry Funk, der in der Senatsverwaltung für Bildung für nachhaltige Entwicklung zuständig ist. "Das Besondere an dieser Schule ist jedoch, dass sie im Kiez verankert ist." So unterstützen nicht nur Eltern die Paradiesgestaltung, sondern auch die Nachbarn. Zu den wichtigsten Unterstützern gehört die kommunale Gartenarbeitsschule in der Trautener Straße 40 – zwei grüne Klassenzimmer sorgen so für fruchtbare Zusammenarbeit. KW
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