Ich meine: Mehr Mitgefühl bitte

Köpenick. "Ihr müsst jede Woche über das geplante Flüchtlingsheim im Allende-Viertel berichten", sagte mir dieser Tage ein Bekannter am Telefon. Auch andere Leser unserer Zeitung, die ich seit Jahren kenne, forderten mich auf, gegen den Bau in der Berliner Woche Stellung zu beziehen.

Das werde ich nicht tun, denn noch immer gilt das Wort des bekannten ARD-Journalisten Hanns Joachim Friedrich, dass ein Journalist sich nie mit einer Sache gemein machen solle.

Sicher, auch ich halte den Standort für ungeeignet und die Geheimniskrämerei des Sozialsenators für unangebracht. Ich finde aber auch, dass unser im Grundgesetz festgeschriebenes Asylrecht nicht verhandelbar ist und Flüchtlinge unser Mitgefühl und unseren Schutz verdienen. Einige Köpenicker beschweren sich, wegen ihrer Proteste gegen das Heim als Rechte verunglimpft zu werden. Natürlich ist nicht jeder, der wütend seine Pappe "Nein zum Heim" in die Kameras hält, ein Rechter. Wer aber bei den Demonstrationen vor Ort andächtig den Reden des Berliner NPD-Chefs lauscht und dazu Beifall klatscht - wie auf Facebook verbreitet -, muss sich nicht wundern, wenn er so bezeichnet wird.

Wir werden natürlich über das Thema weiter berichten. Allerdings nicht von jeder Demo für oder gegen das Heim. Ich rate einfach zu etwas mehr Ruhe, die ja früher mal als erste Bürgerpflicht galt. Bei allem Unbehagen über die Entscheidung, mitten im Allende-Viertel das Containerdorf zu errichten, möge bedacht werden, dass es hier nicht um ein Atomkraftwerk oder eine Flughafenpiste geht. Sondern um Wohnraum für 400 Menschen, die ein Recht auf Verständnis und menschliches - und für mich auch christliches - Mitgefühl haben.


Ralf Drescher / RD
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