Kreuzberger Klassenkampf: Hunsrück-Grundschule wehrt sich gegen zusätzliche Schüler

"Der Schulhof wird zu voll". Kinder der Hunsrück-Grundschule mit ihren Demo-Plakaten. (Foto: Frey)
 
Kinder der Hunsrück-Grundschule als Demonstranten. (Foto: Frey)
Berlin: Hunsrück-Grundschule |

Kreuzberg. "Ohne Raum, aus der Traum", skandieren die Kinder. Ebenso wie manche Erwachsene tragen viele von ihnen Plakate. Auf einem wird darauf verwiesen, dass einem Hund gesetzlich mehr Quadratmeter zustehen als in Berlin einem Schulkind.

Mit dieser Demonstration von mehr als 100 Schülern, Eltern und Lehrern wurden die Mitglieder des Schulausschusses am 22. April vor der Hunsrück-Grundschule in der Manteuffelstraße empfangen. Dort gibt es seit einigen Wochen Ärger wegen der geplanten neuen Einzugsbereiche für die Grundschulen im östlichen Kreuzberg. Für den Hunsrück-Standort würden sie bedeuten: Er muss voraussichtlich in jedem Jahr eine weitere erste Klasse aufnehmen. Was innerhalb von sechs Jahren 150 Kinder mehr bedeutet.

Der Protest dagegen wird vor allem mit dem bisher erfolgreichen pädagogischen Konzept begründet. Für die mehr als 400 Schüler gibt es ausreichend Unterrichts- und Freizeiträume - was ein intensives Lernen und Betreuen ermöglicht, wie die Mitglieder des Schulausschusses bei ihrer Vor-Ort-Sitzung erfuhren. Jede Klasse ist nicht nur mit genügend Lehrern, Erziehern und Sonderpädagogen ausgestattet, sondern hat auch die Möglichkeit an zahlreichen Arbeitsgemeinschaften und Freizeitangeboten teilzunehmen - vom Musikunterricht über die Holzwerkstatt bis zum Türkisch-Kurs.

Ihre Bedingungen seien ziemlich optimal, gaben Lehrer und Eltern zu. Aber sie sollten so bleiben und allgemein der Standard für jede gebundene Ganztagsschule sein. Schließlich seien die Kinder von 8 bis 16 Uhr hier. Durch zusätzliche Schüler und damit weniger Räume für die einzelnen Klassen sei diese Arbeit aber gefährdet.

Deutlich wurde bei der Sitzung aber auch, dass diese Klagen für Vertreter anderer Schulen eher ein Luxusproblem darstellen. Auch Vera Vordenbäumen, Vorsitzende der Gesamtelternvertretung Friedrichshain-Kreuzberg, machte das deutlich: "Während es hier um den möglichen Verlust von Freizeiträumen geht, stellt sich in manchen Schulen in Friedrichshain die Frage, ob überhaupt noch genügend Klassenzimmer vorhanden sind."

Schulstadtrat Dr. Peter Beckers (SPD) erinnerte daran, dass die Hunsrück-Grundschule als vierzügige Schule - also vier Klassen pro Jahrgang - geführt werde. Auch wenn sie bis zum vergangenen Jahr nicht immer benötigt wurden.

Jetzt und in den kommenden Jahren wird das anders sein. Denn in den bisherigen Einzugsgebieten im östlichen Kreuzberg gibt es eine unterschiedlich hohe Zahl künftiger Erstklässler. Sie müssen deshalb verändert werden. Die Fichtelgebirge-Grundschule im Wrangelkiez ist wegen großer Nachfrage am Rande ihrer Kapazitäten. Die Zille-Schule in der Waldemarstraße nimmt ebenso wie die Nürtingen-Grundschule am Mariannenplatz zusätzliche Schüler auf. Letztere auch deshalb, weil in der benachbarten e.-o.-plauen-Schule wegen geringer Nachfrage ab diesem Sommer keine Kinder mehr eingeschult werden. Im bisherigen Einzugsgebiet der Hunsrück-Grundschule sind die Schülerzahlen dagegen rückläufig. Auch wenn gleichzeitig viele Eltern aus anderen Wohngebieten ihre Abc-Schützen dort anmelden wollen.

Man könnte ja vielleicht noch mehr Kinder als geplant in der Nürtingen-Schule aufnehmen, um die Hunsrück-Schule zu entlasten, so ein Vorschlag im Ausschuss. Was den dortigen Direktor Markus Schega "etwas erschreckte". Auch er habe keine freien Kapazitäten zu vergeben. Schega findet zwar das Konzept der Hunsrück-Schule toll - "ich habe da selbst einmal gearbeitet" -, es aber zu Lasten anderer Schulen durchzusetzen, stieß nicht nur bei ihm auf Widerstand.

Sie wollten nicht eine Schule gegen eine andere ausspielen, beteuerten die dortigen Vertreter. Vielmehr gehe es ihnen um Qualität für alle. Das Raumprogramm des Senats erschließe sich ihnen dabei ebenso wenig wie die Tatsache, dass der Bezirk mit der e.-o.-plauen-Schule einen Standort aufgebe, wo doch dauernd von einer wachsenden Stadt die Rede sei.

Möglicherweise müsse deren Gebäude gerade deshalb in einigen Jahren wieder reaktiviert werden, räumte Stadtrat Beckers ein. "Deshalb haben wir es auch nicht abgegeben." Ansonsten ging er das Problem von der anderen Seite an. "Ich möchte einmal dargestellt haben, welche Differenzen zwischen der Hunsrück- und anderen Ganztagsschulen bestehen, wenn hier künftig mehr Kinder aufgenommen werden."

Eine Entscheidung über die neuen Einzugsbereiche ist bei der Sitzung noch nicht gefallen. Wobei Schulamtsleiterin Marina Belicke das Ziel weiter klar definiert: "Unsere Aufgabe ist es, dass Kinder möglichst im Umkreis von einem Kilometer zu ihrer Schule kommen."


Thomas Frey / tf
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