Zwei Stolpersteine wurden erneut verlegt

Michael Rohrmann verlegte die beiden Gedenkquader für Moritz und Julia Katz. (Foto: Frey)

Kreuzberg. 6000 Stolpersteine erinnern in Berlin an das Schicksal jüdischer Mitbürger während des Nationalsozialismus. Die Zeremonie am 7. November an der Skalitzer Straße 131 war allerdings in mehrerer Hinsicht besonders.

Zum einen deshalb, weil das dort bereits zum zweiten Mal passierte. Schon am 26. April wurden Gedenkquader für das Ehepaar Moritz und Julia Katz eingesetzt. In der darauffolgenden Nacht waren sie von Unbekannten gestohlen worden. Die Diebe sind bis heute nicht ermittelt.

Gleiches gilt für die Täter, die Ende August den Anbau der Mevlana-Moschee angezündet haben. Vor diesem Gotteshaus befinden sich die Steine. Beide Anschläge werden deshalb im Zusammenhang gesehen. Die Erinnerung an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus sei für manche noch immer ein Störfaktor. Und gerade im vergangenen Sommer hat es während des Gaza-Kriegs die seit langem schlimmsten antisemitischen Ausschreitungen in Deutschland gegeben. Parallel dazu häuften sich Übergriffe auf muslimische Einrichtungen. Das alles wurde als Beleg für einen weiter starken Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gesehen.

Zumindest war das der Tenor bei den Reden anlässlich der erneuten Stolperstein-Einweihung. Als ein "Zeichen von Kooperation und des Dialogs" wertete beispielsweise Aycan Demirel, Leiter der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus die Veranstaltung. Ähnlich klang das bei Stephan Kramer, dem ehemaligen Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland. "Die Lehren aus dem Holocaust verpflichten uns alle", sagte Kramer. Und der Aufstand der Anständigen bedeute eine "Aufforderung an die Zuständigen" die Rechte jeder Minderheit und Religion zu schützen. Ähnlich klang das auch bei den Vertretern der Türkischen Gemeinde, des Islamrats sowie bei BVV-Vorsteherin Kristine Jaath (B 90/Grüne).

So wurden die Stolpersteine für Moritz und Julia Katz zu einem Symbol, ihr Schicksal und das ihrer Familie nicht nur eine Erinnerung an die Vergangenheit, sondern gleichzeitig Mahnung für die Gegenwart. Die Eheleute, beide 1871 geboren, betrieben an der Skalitzer Straße ein Haushaltswarengeschäft. Sie hatten vier Kinder. Eines starb bereits sehr jung. Zwei, der Sohn Siegbert und die Tochter Rosa wurden 1942 in Auschwitz ermordet. Siegbert Katz hatte sich seit Ende der 20er Jahre in der Sozialistischen Arbeiterpartei engagiert. Er wurde bald nach der Machterfreifung der Nazis verhaftet und erlebte danach einen Leidensweg durch mehrere Konzentrationslager.

Nur die Tochter Ruth war bereits 1933 nach Palästina ausgewandert. Ihr folgten die Eltern sechs Jahre später und damit in letzter Minute. Denn nach Ausbruch des zweiten Weltkriegs war eine Emigration von Juden aus Nazideutschland nur noch in sehr wenigen Fällen möglich. Dass das Ehepaar so lange damit wartete lag wahrscheinlich daran, dass sie bis zuletzt hoffen, ihre beiden Kinder mitnehmen zu können.

Julia und Moritz Katz lebten bis zu ihrem Tod 1958, beziehungsweise 1961, in einem Kibbuz in Israel. Sie starben, ohne näheres über das weitere Schicksal von Siegbert und Rosa zu erfahren.

Es war ein heute in Kanada lebender Enkel, der sich intensiv mit seiner Familiengeschichte beschäftigte und dabei die Berliner Wurzeln freilegte. Der Mann kam auch zur ersten Einweihung im April. Der Diebstahl der Stolpersteine wenige Stunden später war ihm bisher verschwiegen worden. Erst jetzt, nachdem sie erneut verlegt wurden, soll er darüber informiert werden.


Thomas Frey / tf
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