Charlotte Oberberg (92), Zeitzeugin und Institution: „Ich bin eine stolze Kreuzbergerin“

Aktivistin, Kabarettistin oder Sprachrohr der Seniorenvertretung. Auch mit diesen Attributen ist das Wirken von Charlotte Oberberg nur unzureichend beschrieben. (Foto: Thomas Frey)

Kreuzberg. Eigentlich sollte es um ihr Leben gehen, aber zunächst geht es um die jüngsten Ereignisse im Kiez. Die beiden Bombenfunde in der südlichen Friedrichstadt, von denen Charlotte Oberberg als Bewohnerin des Seniorenwohnhauses in der Charlottenstraße direkt betroffen war.

Im Schnelldurchlauf erzählt sie, wie sie die Evakuierungen Ende Oktober erlebt hat. Und das nicht nur passiv, denn einfach abwarten war auch hier nicht ihre Sache.

Beim ersten Termin habe sie mehrfach zum Telefon greifen müssen, weil sich der vereinbarte Abholtermin für die Senioren um mehr als zwei Stunden verzögerte. Am zweiten Bombentag, wollte der Fahrer, der sie und ihre Nachbarn ins Rathaus Kreuzberg bringen sollte, in der Kochstraße abliefern und nicht in der Yorckstraße. Charlotte Oberberg wies ihn auf den Irrtum hin. Aber auch mit Lob spart sie nicht. Etwa für die Polizei oder die Mitarbeiter im Rathaus. Und am Ende des Berichts landet Charlotte Oberberg bei ihrer Lebensgeschichte. „Ich habe ja noch miterlebt, wie die Bomben gefallen sind.“

Charlotte Oberberg ist 92 Jahre alt. Könnte sie ihr Alter nicht auf vielen Dokumenten nachweisen, würde man das kaum glauben. Sie vermittelt noch immer das Bild einer rüstigen Aktivistin, der wenig entgeht und die sich einmischt. Das hat sie schon lange zu einer Institution im Bezirk gemacht.

Aufgewachsen ist die Ur-Kreuzbergerin in der Gitschiner Straße. Ihre Eltern wurden dort 1944 ausgebombt. Die Tochter hatte zu dieser Zeit bereits eine Lehre als Kaufmannsgehilfin absolviert und arbeitete während des Kriegs in der Verwaltung eines Luftwaffenlazaretts in Reinickendorf. In der letzten Kriegsphase wurde das Lazarett nach Bad Ischl in Österreich ausgelagert. Nach Kriegsende versuchte sie über Umwege zurück nach Berlin zu kommen. Was schwierig war, denn es gab eine Zuzugsperre. „Nur weil ich schwanger war, durfte ich bleiben.“

Ihre erste Arbeit fand Charlotte Oberberg im Kreisbüro der SPD. 1947 wechselte sie ins Bezirksamt Kreuzberg und blieb dort 36 Jahre. Die meiste Zeit in der Abteilung Jugend und Sport, die letzten Jahre dann als stellvertretende Personalratsvorsitzende und freigestellte Personalrätin. Charlotte Oberberg hat die Veränderung Kreuzbergs von einem Arbeiter- zu einem Alternativbezirk miterlebt. Sie kann sich noch an den legendären Bürgermeister Willy Kressmann erinnern und hat mit seinem späteren Nachfolger, dem kürzlich verstorbenen Günter König, zusammen gearbeitet. Noch heute ärgert sie sich über die Kahlschlagsanierung in SO36 und hält der Hausbesetzerbewegung ab Ende der 1970er Jahre zugute, dass sie den Abriss weiterer Quartiere verhindert habe.

Auch politisch nähert sie sich diesen Kreisen an. Nach ihrem Ruhestand wird Charlotte Oberberg 1985 für die damalige Alternative Liste (AL), dem Vorläufer der Grünen, in die BVV gewählt und bleibt dort bis 1992. Weil sie wegen des Rotationsprinzips nicht erneut kandidieren kann, wechselt sie nach Neukölln, wo sie für weitere vier Jahre Mitglied des Bezirksparlaments wird.

Parallel dazu beginnt ihr gesellschaftliches, soziales und kulturelles Engagement. Zum Beispiel als Mitglied der Kabarettgruppe „Die Kreuz- und Querberger“, das sie jetzt zum Jahresende beenden will. Außerdem engagiert sich Charlotte Oberberg für generationsübergreifende Wohnprojekte. Vor allem aber ist sie seit 15 Jahren Mitglied und wichtige Stimme der Seniorenvertretung.

In dieser Funktion brachte Charlotte Oberberg im vergangenen Jahr auch die „Bingo-Affäre“ ins Rollen. In mehreren Freizeitstätten war das beliebte Vergnügen aus dem Veranstaltungsprogramm genommen worden, weil die Mitarbeiter der Bezirksverwaltung keine Beihilfe zum Glücksspiel leisten dürfen. Dabei bestand der Einsatz aus geringen Centbeträgen. Sie sei die größte Gegnerin von Daddeleien um hohe Geldsummen, erklärte Charlotte Oberberg. Aber damit lasse sich Bingo nun wirklich nicht vergleichen.

Über ihren Einsatz für die angesagten Zahlenrunden berichtete damals die Berliner Woche. Andere Medien zogen nach. Charlotte Oberberg wurde als Bingo-Kämpferin bekannt. Was ihr aber auch Angriffe eingebracht habe, wie sie erzählt. Am Ende zählte aber das Ergebnis. Bingo dürfen die Senioren inzwischen wieder spielen. Als Gewinn gibt es jetzt kleine Sachpreise.

Charlotte Oberbergs Engagement ist inzwischen mehrfach gewürdigt worden. Bereits im Jahr 2000 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz. Zwölf Jahre später auch die Bezirksmedaille Friedrichshain-Kreuzberg.

„Ich bin immer eine stolze Kreuzbergerin gewesen“, sagt sie auf die Frage, was sie zu ihren Aktivitäten antreibt. Noch vor einigen Jahren sei es oft so gewesen, dass manche Einwohner dieses Bezirks ihre Herkunft verschämt verschwiegen hätten. Das habe sich Gott sei Dank geändert. tf
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