Die Tat eines großen Humanisten

Wann? 29.06.2017 bis 28.07.2017

Wo? Rathaus Kreuzberg, Yorckstraße 4, 10965 Berlin DE
Ludwig Marum war fünf, seine Schwester Andrée ein Jahr alt, als ihre Familie mit Hilfe von Gilberto Bosques nach Mexiko fliehen konnte. (Foto: Thomas Frey)
 
Die Familie Marum. (Foto: Thomas Frey)
Berlin: Rathaus Kreuzberg |

Gilberto Bosques und Menschen, denen er das Leben rettete

Kreuzberg. "Letzte Zuflucht Mexiko" heißt eine Ausstellung, die am 31. Mai im Rathaus Kreuzberg eröffnet wurde.

Sie erinnert an die Rettungstat des mexikanischen Diplomaten Gilberto Bosques (1892-1995). Bosques, nach dem seit vergangenem Jahr die Volkshochschule Friedrichshain-Kreuzberg benannt ist, war 1940 Generalkonsul in Marseille. Beim Einmarsch der deutschen Wehrmacht nach Frankreich flohen viele Emigranten von Paris oder anderen Städten in den zunächst noh unbesetzten Süden des Landes.
Dort hofften sie, dass ihnen irgendwie die Ausreise gelingt. Die Hoffnung für viele hieß sehr schnell Gilberto Bosques. Rund 40 000 Aus- und vor allem Einreisevisa nach Mexiko hat er nach manchen Angaben zwischen 1940 und 1942 ausgestellt. Teilweise begleitete er besonders gefährdete Personen persönlich zum Schiff. Und auch für Unterkünfte vor der Passage sorgte der Konsul.
Das alles wird auch in der Ausstellung noch einmal erwähnt. Im Mittelpunkt stehen aber 25 Biografien von Menschen, die Gilberto Bosques ihre Rettung verdanken.
Die Portraitierten waren Juden, Antifaschisten, Sozialisten, Kommunisten. Unter ihnen finden sich viele bekannte Namen. Die Schriftstellerin Anna Seghers. Die Schauspielerin Steffie Spira. Der Autor und Verleger Walter Janka.
Ludwig und Andrée Marum gehören zu den noch lebenden Zeitzeugen. Der Bruder wurde 1937 in Paris geboren, die Schwester 1941 in Marseille. Ludwig Marum heißt nach seinem Großvater, der Rechtsanwalt und SPD-Politiker in Karlsruhe sowie in der Endphase der Weimarer Republik Mitglied des Reichstags war. Bereits am 10. März 1933 wurde der als Jude und Sozialdemokrat bei den Nazis besonders verhasste Mann verhaftet und ein Jahr später im Konzentrationslager ermordet. Teile seiner Familie, auch sein Sohn Hans Karl, flohen danach nach Frankreich.
Von seiner Kindheit in Mexiko kann Ludwig Marum eine Menge erzählen. Alltägliches, wie das Verbot, auf der Straße Eis zu essen, bis zu seiner Beschreibung der Emigrantengemeinde. Erlebnisse, die ihn bis heute sensibel machen, wenn es um Flüchtlinge geht.
Auch die Erfahrung, dass die meisten Vertriebenen in ihre Heimat zurückkehren möchten, wenn das wieder möglich wird. So war es zumindest damals in Mittelamerika.
Das Ziel für viele war wegen ihres politischen Hintergrunds, die sowjetische Besatzungszone, die spätere DDR. Dass sie dort als sogenannte Westemigranten auf Argwohn stießen, bedeutete eine unerwartete Erfahrung.
Ludwig Marum skizziert das anhand der Berufsvita seines Vaters, die lange zwischen hohen Positionen im Journalismus und Außenministerium und Abschieben auf Provinzposten pendelte.
Zu diesem Komplex gehört auch das Schicksal von Walter Janka. Der damals stellvertretende Leiter des Aufbau-Verlags wird 1956 wegen angeblicher konterrevolutionärer Verschwörung verhaftet und zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. 1960 kommt er vorzeitig frei. Die Jahre davor sitzt Walter Janka im Gefängnis Bautzen, wie schon in den 30er Jahren bei den Nazis. Er wird nach der friedlichen Revolution rehabilitiert und stirbt 1994. Ein Jahr zuvor war es in Mexiko noch zu einem Wiedersehen mit Gilberto Bosques gekommen.
In vielen Biografien spiegeln sich deshalb gleich mehrfach die Katastrophen und des 20. Jahrhunderts. Und sie verdanken alle ihr Leben der Humanität und dem Einsatz eines mexikanischen Diplomaten. tf
Rathaus Kreuzberg, Yorckstraße 4-11. Die Ausstellung ist bis 29. Juni, Monag bis Freitag von 8 bis 17 Uhr geöffnet.
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.