Hat sich der Bezirk bei der Schulplanung verrechnet?

Gegen zusätzliche Schüler haben Kinder, Eltern und Lehrer auch bereits mit zwei Demonstrationen protestiert. (Foto: Frey)

Kreuzberg. Die zusätzliche Aufnahme von Schülern in der Hunsrück-Grundschule schlägt weiter Wellen. Am 28. Mai soll es dazu wieder eine Gesprächsrunde geben.

Wie berichtet sieht die Schule ihr pädagogisches Konzept durch eine weitere erste Klasse in Gefahr. Denn das würde auch Abstriche beim bisher großzügigen Raumangebot bedeuten.

Aber resultiert der Mehrbedarf an Plätzen einfach daraus, dass das Schulamt von einer zu geringen Schülerzahlen ausgegangen ist und sich deshalb verrechnet hat?

Diesen Verdacht hegt zumindest der Schulausschussvorsitzende Werner Hirschmüller (Bündnis 90/Grüne). Er stützt sich dabei auf die Schulentwicklungsplanung aus dem Jahr 2013, aus der er bei der Sitzung am 13. Mai zitierte.

Sie geht zum einen davon aus, dass im Sommer 2016 in der Bezirksregion 4, also im nördlichen Bereich von SO 36, sieben neue erste Klassen ausreichend seien. Davon sollen vier in der Nürtingen-Grundschule und drei in der Heinrich-Zille-Schule eingerichtet werden. Mit den ausreichenden Plätzen an diesen beiden Standorten wurde auch das Aus für die e.o.-plauen-Schule begründet, die inzwischen keine Schüler mehr aufnimmt.

Das passiert alles so auch. Allerdings gibt es jetzt das Problem, dass für die angehenden Abc-Schützen in diesem Einzugsbereich mehr als sieben Klassen gebraucht werden. Laut Hirschmüller gibt es 205 Kinder, die 2010 geboren wurden und deshalb im kommenden Jahr schulpflichtig werden. Diese Zahl hat er aus der vor zwei Jahren erstellten Prognose des Schulamts. Deshalb, so meint er, hätte auch den Verantwortlichen dort schon aufgehen müssen, dass ihre Pläne einen Haken haben.

Eine Grundschulklasse besteht normalerweise aus maximal 25 Kindern. Bei mehr als 200 hieße das, es wären mehr als sieben Klassen nötig. Deshalb sollen jetzt die Einzugsbereiche verändert werden und die Hunsrück-Grundschule zusätzliche Schüler aufnehmen.

Warum es zu der Differenz zwischen vorhergesagten und tatsächlichen Schülerzahlen gekommen ist, auch dafür bot Werner Hirschmüller zumindest Erklärungsversuche. Entweder sei das einfach nicht abgeglichen, sprich verpennt worden. Oder das Amt ging auch hier davon aus, dass nicht alle Kinder aus einem Einzugsbereich dort auch in die Schule gehen.

Noch vor Kurzem wurden Statistiken vorgelegt, nach denen das bei bis zu 20 Prozent der Heranwachsenden der Fall ist. Entweder, weil ihre Familien wieder wegziehen oder weil sie in Schulen außerhalb ihres Wohngebiets angemeldet werden. Das überzeugte Werner Hirschmüller aber schon bisher nicht. "Wer sich hier eine Eigentumswohnung kauft, hat normalerweise nicht vor, sie demnächst wieder zu verlassen." Das wurde in den Prognosen aber viel zu wenig berücksichtigt und sei jetzt der Grund für manche Probleme.

"Ist es nicht vielmehr so, dass gerade Eltern mit kleinen Kindern verstärkt nach Friedrichshain-Kreuzberg ziehen?", fragte der Ausschussvorsitzende und lieferte damit seinen dritten Erklärungsversuch. Zumindest das wollte auch die Vertreterin des Schulamts nicht grundsätzlich verneinen. Dass bei den Vorgaben völlig neben dem tatsächlichen Bedarf geplant wurde, sei aber natürlich auszuschließen. Wobei eine befriedigende Antwort auf Hirschmüllers Fragen in der Schulausschussitzung nicht gegeben werden konnte. Denn sie seien im Vorfeld nicht bekannt gewesen.

In Sachen Hunsrück-Schule zeigte Schulstadtrat Dr. Peter Beckers (SPD) ein gewisses Entgegenkommen. Er ließ durchblicken, dass dort möglicherweise nicht in jedem neuen Schuljahr vier statt bisher drei erste Klassen eingerichtet werden. Klar sei aber auch, dass jede Lösung nicht zu Lasten anderer Schulen gehen dürfe.


Thomas Frey / tf
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