400 Polizisten sichern Räumung in der Lausitzer Straße

Auch Protest und Blockade konnten die Zwangsräumung nicht verhindern. (Foto: Frey)

Kreuzberg. Die Gerichtsvollzieherin war überpünktlich. Bereits wenige Minuten vor dem angesetzten Termin um 9 Uhr stand sie am 14. Februar vor der bisherigen Wohnung der fünfköpfigen Familie Gülbol in der Lausitzer Straße 8. Vater Ali Gülbol händigte ihr den Schlüssel aus und stand kurz darauf, auch im übertragenen Sinn, auf der Straße.

Dort hatten sich seit den Morgenstunden mehrere hundert Menschen versammelt, die das Überreichen des Räumungsbescheids verhindern wollten. Das gelang ihnen nicht, weil die Polizei, laut Eigenbezeichnung "Amtshilfe" leistete. Konkret bedeutete das: Rund 400 Einsatzkräfte waren vor Ort. In der Luft kreiste ein Hubschrauber. Zwei Eingänge zur Lausitzer Straße wurden abgesperrt. Auch den Gang zu Ali Gülbol trat die Gerichtsvollzieherin mit Begleitschutz der Polizei an. Sie wurde getarnt und auf Umwegen, nämlich über das um die Ecke liegende Gebäude Wiener Straße 13, ins Haus gebracht. Während sich draußen die Blockierer noch auf die kommenden entscheidenden Minuten einstellten, war drinnen das Ende einer langjährigen und zuletzt über Berlin hinaus verfolgten Auseinandersetzung bereits vollzogen.Malermeister Ali Gülbol, der seit Jahrzehnten in dem Gebäude lebt, hatte nach eigenen Angaben einst mit dem ehemaligen Vermieter vereinbart, dass er seine Wohnung auf eigene Kosten gründlich saniert. Dafür sollte die Miete nicht erhöht werden. Nach dem Verkauf des Hauses fühlte sich der neue Besitzer André Franell, an diese Abmachung nicht gebunden und verlangte mehr Geld. Die Gülbols zahlten nicht, es kam zum Prozess. Dort konnten sie die Verabredung nicht beweisen und wurden zur Nachzahlung verpflichtet. Die hätte in einer bestimmten Frist erfolgen müssen, passierte aber erst danach. Deshalb erfolgte die Kündigung.

Der Fall rief zahlreiche Unterstützer auf den Plan, die hier ein besonders krasses Beispiel von Mietwucher und Verdrängung sahen. Bereits am 22. Oktober sollte die Räumung eigentlich vollzogen werden. 150 Aktivisten blockierten damals den Zugang, die Gerichtsvollzieherin konnte den Räumungstitel nicht aushändigen und musste unverrichteter Dinge wieder abziehen. Diese Ereignisse waren der Grund für die jetzt groß angelegte Amtshilfe.

"Ich bin kein Verbrecher", sagt Ali Gülbol. Dass jemand, obwohl langjähriger Mieter und anständiger Bürger aus seiner Wohnung geklagt werden kann, deckt sich nicht mit seinem Empfinden von Recht und Gesetz. Aber er sei nur ein Beispiel für inzwischen Tausende von Zwangsräumungen jedes Jahr in Berlin. Nur mit dem Unterschied, dass die meisten davon völlig unbemerkt ablaufen.

Während rund um die Lausitzer Straße das Geschehen weitgehend friedlich blieb, kam es danach in Folge einer Spontandemonstration von der Wiener Straße nach Neukölln zu Auseinandersetzungen und Sachbeschädigungen. Die Polizei nahm zehn Personen fest. Bereits am Morgen hatte es in Kreuzberg und Friedrichshain mehrere Brandanschläge gegeben. Gegen 8.15 Uhr brannten am Wassertorplatz acht Autoreifen. Wegen der starken Rauchentwicklung wurde der Zugverkehr der U1 zwischen Kottbusser Tor und Warschauer Straße etwa eine halbe Stunde unterbrochen. Feuer gelegt wurde auch an einer Ampel an der Oberbaumbrücke. Und bereits gegen 5.45 Uhr zogen Unbekannte vier Autos auf die Fahrbahn des Strausberger Platzes und zündeten sie dort an.

Ob diese Taten in Zusammenhang mit der Zwangsräumung stehen, wird derzeit ermittelt.


Thomas Frey / tf
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